Bildausschnitt Fritz Ohle, Landesmuseum Detmold
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Themenübersicht zum Jahr 1916

Bereits im September 1916 machte man sich in Lemgo Gedanken über die Versorgung der aus dem Felde zurückkehrenden Soldaten. Zu diesem Zweck schlossen sich die militärischen Vereine in Lemgo zusammen, um einen Spendenaufruf zu starten.

 

"Wir wollen durch freiwillige Gaben eine Geldsumme zusammenbringen, die uns ermöglicht, jenen die wirtschaftliche Lage bei ihrer hoffentlich baldigen Heimkehr zu erleichtern helfen, die aus dem Stadtbezirk Lemgo zur Fahne gerufen wurden." (LP, 13.09.1916).

 

Die Spender sollten anschließend in ein Buch unter dem Titel "Lemgos Kriegerdank" eingetragen werden. Dieses Vorgehen erfolgte in vielen anderen Orten Deutschlands durch sog. Kriegswahrzeichen bzw. Nagelungen. In Lemgo wollten die Vereine dieses Vorgehen ausdrücklich nicht, sondern in "aller Stille" sammeln.

Der Frühsommer 1916 brachte eine Wende in der Nahrungsmittelversorgung. Die Kartoffeln wurden knapp. Hinzu kam, dass die Ernte im Herbst durch zuviel Nässe verdarb. Als Ersatz wurden Steckrüben auf die Bezugsmarken ausgegeben. Im Winter 1916/17 wurden Steckrübenrezepte propagiert. Beliebt war dieses Gemüse in kleinster Weise, verhinderte aber eine größere Hungersnot. Anzeige Verkauf von Steckrüben (LP, 9.12.1916).

Der Wiembecker Volksschullehrer liefert in seiner Schulchronik des Ersten Weltkrieges eine nachträgliche, anschauliche Zusammenfassung der damaligen Versorgungslage:

Das Land mußte sich selbst ernähren, der eiserne Ring, den die Feinde um uns geschaffen hatten, ließ vom Auslande keine Lebensmittel mehr zu uns kommen. Die Ernte war gering ausgefallen. Da wurden auch den Selbstversorgern, d. h. denjenigen, die für den eigenen Bedarf genug Getreide selbst gerettet hatten, nur 7 1/2 , später nur 6 ½ kg pro Person im Monat gelassen (siehe Anhang), also nicht einmal ½ Pfund Brot am Tage. Die „Versorgungsberechtigten bekamen schon seit 1915 nur noch Mehl auf Brotmarken, natürlich weniger als die „Selbstversorger“. Ersatzmittel, durch deren Mehl man das Brot hätte „strecken“ können, waren nicht zu kaufen. Alles war beschlagnahmt. Alles Kaufen und Verkaufen ohne Marken wurde streng bestraft. Man konnte weder Bohnen noch Hafer, weder Zucker noch Kartoffeln, weder Nähgarn noch dergleichen ohne Marken bekommen. Das Schlimmste aber war, daß die Kartoffelernte mißraten war. Da zog bei vielen, vielen Familien  der Hunger ein, besonders in den Städten. Das war der traurigste Winter, den Deutschland seit vielen Jahrzehnten durchgemacht hatte. Da lernte man erst den Wert des täglichen Brotes recht verstehen und die 4. Bitte recht begreifen. Es war ein großes Glück, daß die Steckrüben gut geraten waren, sie bildeten nun das tägliche Gericht. Die „Steckrübengerichte“ im Anhang sollen erinnern an den traurigen „Steckrübenwinter“ 1916/17."

Die LWG arbeitete vor Ort mit einem System von Vertrauensmännern (in den Stadtgemeinden) und Ortsvertretern (in den Dörfern). Diese waren zuständig für die Erstellung der notwendigen Erfassungslisten und die Ausgabe der Lebensmittelkarten bzw. Brotmarken.

 

Für diese Funktion bediente man sich häufig der örtlichen Lehrkräfte an den Schulen. Lehrer Krumsiek aus Wiembeck übernahm für seinen Ort ebenfalls diese Funktion, jedoch offensichtlich nicht mit Freude, wie seiner Schulchronik (StaL H 10/78, S. 49) zu entnehmen ist: "An jedem Orte wurde ein sogenannter Ortsvertreter, meistens der erste Lehrer, angestellt, welcher als verpflichteter Gehilfe der L.W.G., an dem unbeliebten, aber notwendigen Werke half. In Wiembeck musste ich natürlich das Amt übernehmen. Es gab viele Arbeit und viele Unannehmlichkeiten, denn die Bevölkerung konnte sich nur schwer daran gewöhnen, daß ihr das Verfügungsrecht über die selbstgezogenen Mengen genommen wurde."

 

Die Ortsvertreter und Vertrauensmänner standen dabei häufig in einem Spannungsverhältnis zwischen ihrem Auftrag im Sinne einer gleichmäßigen und sparsamen Ressourcenverteilung und den Erwartungen und Ansprüchen ihrer Mitbürger vor Ort.

 

Lemgo war in 50, möglichst kleinräumige Bezirke eingeteilt, für die jeweils ein Vertrauensmann zuständig war. Das Amt wurde ehrenamtlich ausgeübt. Offensichtlich erhoffte sich die Stadtverwaltung dadurch, die durch die eingezogenen Beamten und Angestellten angespannte Personallage entspannen zu können. Ansprechpartner und vorgesetzte Stelle für die Vertrauensmänner war das städtische Lebensmittelamt, das vermutlich identisch mit dem städtischen Bauamt war.

 

Alle vier Wochen erfolgte eine Verteilung der Lebensmittelkarten in der Wohnung des Vertrauensmannes.

 

In einer öffentlichen Anzeige in der Lippischen Post vom 1. Dezember 1916 war die Abholung der Lebensmittelkarten zu entnehmen.

 

Die Aufgaben der Vertrauensmänner wurden in einem 2seitigen Rundschreiben der Stadt beschrieben (aus: StL T 1/15).

 

Rundschreiben Seite 1 | Seite 2

 

Die Anweisungen des städtischen Lebensmittelamtes an die Vertrauensmänner erfolgte wohl auch durch maschinenschriftliche Handzettel, die wichtige (neue) Bestimmungen enthielten. Beispiele (aus StaL T 1/15) dafür aus der Überlieferung der Lemgoer Bürgerschule sind hier zu sehen:

Kritik an der LWG scheint bereits nach ihrer Gründung in Lemgo (und wohl auch an anderen Orten) bestanden zu haben. Bereits am 19. April 1915 wurde in einer Stadtverordnetensitzung der Höchstpreis für Kleie kritisiert. Am 28. April 1915 äußerte sich Stadtverordneter Adam gegen die Erschwernisse der LWG, die diese gegen die Ehefrauen der im Felde befindlichen Bäcker ausüben würde. Im Juli ist sogar der Verbleib Lemgos in der LWG in der Stadtverordnetensitzung vom 13. Juli 1915 umstritten. Mangelnde Kontrolle der Organisation durch die Kommune und die Kosten der LWG waren Argumente gegen den Verbleib. Schließlich fand sich eine Mehrheit gegen den Austritt (vgl. Bericht der Lippischen Post vom 14. Juli 1915). Nicht zuletzt aufgrund dieser Sitzung entspann sich in der Presse ein Wechselspiel zwischen Kritik an der LWG und ihrer Verteidigung.

 

In einer Stellungnahme der LWG (abgedruckt in der Lippischen Post vom 16. Juli 1915) wurden die einzelnen Kritikpunkte, die in der Stadtverordnetensitzung vom 13.Juli genannt wurden, aufgegriffen und argumentativ begegnet.

 

Aus einem eingesandten Leserbrief eines Lemgoer Bürgers vom 1. Juli 1915 (Lippische Post, 3. Juli 1915 abgedruckt) ist zu entnehmen, dass die Unterschiede zwischen Versorgungsberechtigten (die eine Brotmarke erhalten) und Selbstversorgern, die keine Brotmarken benötigen, sondern einen festgelegten Teil des vorhandenen Mehlvorrates selbst behalten können, für Streit sorgte, da die Kosten für die Einschätzung der Selbstversorger über die Stadtkasse bezahlt werden sollten. Damit mussten auch die Versorgungsberechtigten für die Selbstversorger mitbezahlen.

 

Die Kritik ging im Kern auch darauf zurück, dass die Versorgungsberechtigten von der LWG profitierten, da sie auf die Verteilung angewiesen waren und keine nennenswerten, eigenen Vorräte hatten, und die Selbstversorger wenig Interesse an einer Kontrolle durch die LWG haben konnten.

 

In den Presseartikeln zum 1jährigen (Lippische Post, 1. März 1916) und zum 3jährigen Bestehen (Lippische Post, 22. Februar 1918) der LWG wurde zumeist der Versuch einer Rechtfertigung und Alternativlosigkeit der LWG unternommen, um damit Kritikpunkte zu entkräften.

 

Im Jahr 1916 kam es unter dem Geschäftsführer Dr. Wilhelm Alter zu einem weiteren Konflikt. Diesmal hatten die Kommunalverbände Brake und Hohenhausen, in Gestalt ihrer Amtsgemeinderäte die Absicht, die LWG zu verlassen und damit de facto aufzulösen. In einer Sitzung der Amtsgemeinderäte in Lemgo am 21. Juli (siehe Bericht Lippische Post vom 22. Juli 1916) verteidigte sich Alter gegen das Vorhaben, die LWG nur dann fortzusetzen, wenn ein Vertrauensmann (Alter bezeichnete diesen als "Spion") Einsicht in die Buchführung der LWG nehmen kann und eine Abrechnung vorgelegt wird. Alter sah darin eine Form des Misstrauensvotums gegen ihn, kündigte daraufhin seinen Rücktritt an und verließ die Sitzung.

 

Auch hier zeigte sich wieder die Konflitktlinie zwischen der eigentlich unabhängigen LWG, die durch die entsprechenden Ausschüsse kontrolliert werden sollte, und den Kommunen, die aus Sorge vor möglichen Verlusten, mehr Kontrolle über die Geschäftsführung haben wollten.

 

Ähnlich wie ein Jahr zuvor entwickelte sich ein Für- und Wider in der Presse, wobei am 24. Juli 1916 gleich zwei Berichte zur "Ehrenrettung" des Geschäftsführers Alters in der Lippischen Post veröffentlicht wurden, die sein sonstiges, ehrenamtliches Engagement (Kriegshilfe, Liebessendungen, Jugendwehr, Kriegsinvalidenfürsorge) und die Führung des Lindenhauses als Direktor betonten.

 

Am 27. Juli 1916 beschloss dann schließlich der Amtsgemeinderat Brake der LWG weiterhin anzugehören. Einen Tag später wurde Alter auf einer allgemeinen Mitgliederversammlung das Vertrauen ausgesprochen.

Kriegsanleihen waren neben Kriegskrediten ein wesentliches Mittel zur Finanzierung der Kriegsausgaben des Deutschen Reiches. In einem halbjährlichen Rythmus wurden insgesamt neun Kriegsanleihen herausgebracht, die für eine Gesamtsumme von 97 Milliarden Mark gezeichnet wurden. Die Käufer der Kriegsanleihen kamen dabei aus allen gesellschaftlichen Schichten, die sowohl aus patriotischen Gefühlen heraus oder auch gelockt durch eine attraktive Verzinsung, verbunden mit dem Vertrauen auf einen deutschen Sieg, dem Staat ihr Geld für die Fortsetzung des Krieges liehen. Begleitet wurden die Kriegsanleihen von regelrechten Werbekampagnen in den damaligen Medien, vor allen in den Zeitungen.

Auch in der Lippischen Post wurden die Kriegsanleihen beworben. Häufig verglich man die Zeichnung der Kriegsanleihen mit einer "Schlacht", die an der Heimatfront geschlagen werde und die die Feinde bezwingen solle. So äußerte sich die Lippische Post am 11. März 1916 zur 4. Kriegsanleihe: "Die 4. Kriegsanleihe soll den Feind schlagen und ihm die letzte Säule seiner Hoffnung zertrümmern. Eine Riesengeldschlacht gilt es für uns Daheimgebliebenen zu schlagen und einen Riesensieg zu gewinnen, der wie wuchtiger Keulenschlag dem Feinde auch den letzten Halt zerschmettert, ihn aus seinen Lügen reißt und ihn die harte Wirklichkeit begreifen läßt: Unbezwingbar ist Deutschland."

Der moralische und äußere Druck, Kriegsanleihen zu zeichnen war auf die damaligen Menschen sicherlich gross. Auch in der Lemgoer Fotografenfamilie Ohle sind die Anleihen ein Thema. Lina Ohle schreibt ihrem an der Westfront eingesetzten Mann am 4. März 1916  "[ ... ] Wie ist es mit der Kriegsanleihe? Ich muß doch wohl noch zeichnen, das ist doch nicht mehr wie recht. das wir dadurch unserm Vaterlande dienen. Wie furchtbar schwer müssen im Westen doch die Kämpfe sein. Gott der Herr sei mit uns. Er helfe mit streiten u. gebe uns bald den Frieden". Drei Tage später (7. März 1916) greift sie die Frage erneut auf, wohl auch deshalb weil sich ihr Mann bereits skeptisch zu ihrem Ansinnen geäußert haben mag. "[ ... ] Soll ich wirklich keine Kriegsanleihe mehr zeichnen? Wir können doch unser Geld wirklich nirgends besser unterbringen. Und sollten wir wirklich verlieren was wir ja doch nicht hoffen. dann sind wir unser Geld auch sowie so los was in den Kassen steht. Vielleicht zeichnen wir noch 3 Was meinst du? Der liebe Gott giebt uns doch wohl bald den ersehnten Frieden [ ... ] Schreib doch wegen der Kriegsanleihe. Multer kann auch noch 3000 zeichnen. Krull will ihr das Geld auszahlen der Rest bleibt dann noch stehen. Es ist doch unsere heilige Pflicht dass wir dadurch unsere Feinde auch schlagen [ ... ]". Die Hoffuung auf einen Sieg scheint zumindest bei Fritz Ohle nicht mehr so unerschütterlich zu sein, dass er unbedenklich Kriegsanleihen kaufen lässt.

Nicht nur die Erwachsenen sollten ihr Erspartes für Kriegsanleihen verwenden, auch die Kinder in den Schulen wurden systematisch zum Kauf der Kriegsanleihen angehalten. 

 

In einem diesbezüglichen Zeitungsartikel in der Lippischen Post vom 11. März 1916 wird der Anteil der Schulen bei den Kriegsanleihen als bedeutsam eingestuft und die Lehrer zur verstärkten Werbung für diese patriotische Sache angehalten. Um die Klein- bzw. Kleinstbeiträge der Schüler einfacher handhaben zu können, gibt die Sparkasse Lemgo kleingestückelte Anteilscheine heraus, die dann zusammengelegt, gegen eine Kriegs bzw. Reichsanleihe eingetauscht werden können. Die Anteilscheine sollen den Schülern selbst ausgehändigt werden. Die Lehrer scheinen aber ansonsten die maßgeblichen Stellen zu sein, die die Organisation der Anleihezeichnung für ihre Klassen und Schüler übernehmen.

 

Inwieweit die Schüler tatsächlich aus eigenem Antrieb handelten oder eher auf Druck der Lehrer, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Der patriotische Eifer wird aber auch hier sicherlich eine wichtige Rolle gespielt haben.

 

In der Schulchronik von St. Johann (StaL T 3/14, S. 30) berichtet Knappmeier über das Engagement seiner Schüler bei der 4. Kriegsanleihe: "[...] An der 4. Kriegsanleihe hat sich auch unsere Schule mit Eifer beteiligt. Die Schüler haben von Haus zu Haus Aufrufe und Zeichnungsformulare getragen u. sich selbst duch Zeichnungen von 5 M, 10,-, 20,- bis 100 beteiligt. Insgesamt sind 1560 M gezeichnet worden. Mit freudiger Dankbarkeit wurde darum der Erlaß Seiner Durchlaucht des Fürsten vom Ausfall des Unterrichts am 31.3. begrüßt." In ähnlicher Weise war auch die Zeichnung der 5. Kriegsanleihe 1916 von Erfolg gekrönt: "Am 5. Oktober war der Schlußtag der 5. Kriegsanleihe, die den Betrag von 10,6 Milliarden brachte. Lehrer und Schüler der hiesigen haben 1995 Mark beigesteuert." (StaL T 3/14, S. 32).

1866 wurde der Vaterländische Frauenverein durch die preußische Königin Augusta gegründet. In der Folgezeit bildeten sich im Norddeutschen Bund und dann im ganzen Deutschen Reich Zweigvereine und Landesverbände. Sie bildeten das weibliche Pendant zu den Krieger-Sanitätskolonnen des Roten Kreuzes.

Aufgabe des Vaterländischen Frauenvereins war in Friedenszeiten die Vorbereitung der Kriegstätigkeit und die Vermeidung sozialer und wirtschaftlicher Probleme bei den hilfsbedürftigen sozialen Schichten. In Kriegszeiten waren sie unterstützend bei der Verwundetenpflege der Soldaten zuständig. Schirmherrin war die Kaiserin bzw. für den jeweiligen Landesverband die Landesfürstin. Angeleitet wurde der Vaterländische Frauenverein durch den Kaiserlichen Commissar und Miliärinspekteur der freiwilligen Krankenpflege. Dem Verein gehörten ausschließlich Frauen aus der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht an sowie aus dem Adel.

Über die Mitglieder und den Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins in Lemgo wissen wir nur wenig. Lediglich die Mitgliederzahlen tauchen vereinzelt in Zeitungsberichten auf, so sollen sich im Juni 1918 (LP, 25.6.1918) 364 Mitglieder im Verein befunden haben. 

Über die Zusammensetzung des Vorstandes sind wir erst durch das Protokollbuch des Vereins seit dem November 1915 informiert. Bis in den Mai 1918 war die Vorsitzende Frau Hanna Schurig, Ehefrau des Lemgoer Gymnasialdirektors Hermann Schurig, der das spätere Engelbert-Kaempfer-Gymnasium von 1911 bis 1927 leitete. Im Vereinsvorstand wirkten außerdem Fräulein Theopold, Frau Prof. Winter, Frau Geheimrat Overbeck und Frau Prof. Schulz mit. Als Schatzmeister wirkte Kommerzienrat Potthoff, der eine über Jahrzehnte währende Kontinuität im Verein darstellte. Die  Vorstandsdamen waren demnach fast alle Ehefrauen Lemgoer Gymnasiallehrer. 

Im Februar 1918 machte der Vorstand den Vorschlag, die nächsten Vorstandswahlen erst im neuen Jahr durchzuführen. Dem Vorschlag wurde in der Generalversammlung einstimmig gefolgt. Offensichtlich gab es später dann doch Kritik an diesem Entschluss. Auf einer Mitgliederversammlung im April 1918 trat die Vorsitzende Hanna Schurig zurück, Nachfolgerin wurde Frau Geheimrat Overbeck. Stellvertretende Vorsitzende Frau Bertha Theopold. Schatzmeister blieb weiterhin Kommerzienrat Potthof, Schriftführer wurden Pastor Eilers und Oberlehrer Schierholz.

Im März 1918 wurde in Brake ein eigenständiger Zweigverein des Vaterländsichen Frauenvereins eingerichtet, dem bereits bei der Gründung 800 Mitglieder angehörten (LP, 12.3.1918).

Wie überall im Deutschen Reich wurde auch in Lemgo ein Soldatenheim eingerichtet, das unter der Trägerschaft des Vaterländischen Frauenvereins  Ortsgruppe Lemgo stand. Nach dem Jahresbericht des Vereins für das Jahr 1915 wurde Ende Februar 1915 ein solches Heim zunächst im Haus Rampendal 26 eingerichtet und dann  ab dem 1. Dezember 1915 im Haus Mittelstraße 116/118 (Manufakturwarenhandlung David Netheim), wo man großzügigere Räumlichkeiten vorfand. Im Soldatenheim sollten sich die Soldaten zwanglos aufhalten können. Möbel, Zeitungen, Klavier, Ziehharmonika und Spiele standen frei zur Verfügung. Die Öffnungszeiten beschränkten sich zunächst auf den Sonntag zwischen 13.30 und 21.00 Uhr. Ab August 1915 wurde das Heim auf Wunsch der Garnisonsverwaltung täglich geöffnet. Gegen Geld konnte man ZIgarren, Feldpostkarten und Essen erhalten. Die Verpflegung verbesserte sich allmählich; zu Beginn gab es nur Kaffee, dann Backwerk und durch die Unterstützung der LWG später auch Brötchen mit Butter und als diese nicht mehr zu bekommen war, mit Marmelade bestrichen. Die Öffnung auch am Abend stieß auf regen Zuspruch. Suppe mit Brötchen, Kartoffelgerichte, Salat oder Pellkartoffeln wurden schließlich ebenfalls angeboten. Im Sommer 1916 bekamen die Soldaten, welche auf dem vom Bataillon gepachteten Lande arbeiteten, ihre Abendessen im Heim umsonst. Bis zum 1. August 1916 kamen 233 Personen. Bedürftige Soldaten, wel-che von Hause aus keine Unterstützung bekamen, sollten abends im Heim umsonst essen können. 

Mit der Auflösung des Ersatzbataillons in Lemgo zum 31.12.1917 war auch die Zeit für das Soldatenheim vorbei. Die Räumlichkeiten in der Mittelstraße wurden noch bis  zum 1. April 1918 als Wärme- und Lesehalle weitergeführt; die Vorräte zu Gunsten der Vereinskasse verkauft.

Den Transport der verwundeten Soldaten vom Lemgoer Bahnhof in eines der beiden Lazarette übernahmen die daheim gebliebenen Mitglieder der Sanitätskolonne und anscheinend die Hilfskrankenträger. Auf der

Vorstandsitzung vom 4. April 1916 wurden erstmals Transportscheine für diese Aufgabe eingeführt. Die Mitglieder der Kolonne sollten für jeden Transport und jede Person 1 Mark innerhalb der Stadt erhalten, für Transporte außerhalb der Stadt sollten die Sätze von Fall zu Fall festgestellt werden. Auf der Generalversammlung am 16. April 1917 berichtete Sternheim, dass im vergangenen Jahr 206 Verwundete transportiert wurden. In der Generalversammlung nach Kriegsende 1919 bilanzierte er 130 Transporte mit insgesamt 488 Verwundeten und kranken Militärpersonen.

Einer Anzeige in der Lippischen Post vom 1. September 1916 kann man entnehmen, dass ein Schauturnen der Männer- und Frauenabteilung zu Gunsten der rückkehrenden Krieger veranstaltet werden sollte. Begleitet wurden die Darbietungen durch die Militärkapelle des in Lemgo stationierten II. Reserve-Ersatzbataillons Infanterieregiment 67. Unbekannt ist, welche Männer hier tatsächlich  Turndarbietungen zeigen konnten, da nach Kriegsbeginn der größte Teil der Turner einberufen war und zu Hause die Frauen und Kinder zurück blieben.So waren es die Frauen, die 1916 das Turnleben mit aufrecht erhielten. Beim Lippischen Gauturntag am 2. September 1917 in Lemgo erschien nur noch eine „kleine Zahl Turngenossen“, was als positiv angesehen wurde, da alles in den Turnvereinen „gesund und gebrauchsfähig für das Heer“ sei (LP, 5.9.1917). 

Im Archiv des TV Lemgo (Depositum im Stadtarchiv Lemgo) befindet sich eine Sammlung von Feldpostbriefen, die Turner von der Front in die Heimat und an den Verein geschickt haben. Insgesamt sind 8 Briefe und 97 Postkarten erhalten.  Die Hälfte stammt aus dem Jahr 1914, ein Drittel aus dem jahr 1915 und der Rest aus den Jahren 1916 und 1917. Inhaltlich geht es häufig um Danksagungen für Liebesgaben und Weihnachtsgeschenke aus der Heimat oder einfach um Grüße an die Daheimgebliebenen.

In einem Feldpostbrief vom Dezember 1914 wird auch über die besondere Kriegsweihnachten an der deutsch-englischen Front berichtet:

Nordfrankreich, den 27. Dezbr. 1914. Liebe Turngenossen1 Zuerst sage ich Ihnen herzlichen Dank, für daß schöne Weihnachtspaket, über dasselbe habe ich mich sehr gefreut. […] Weihnachten haben wir hier in Stellung gefeiert, wir hatten einen kl. Weihnachtsbaum unseren Unterstand hatten wir dementsprechend geschmückt auch fehlte das Dortmunder Bier nicht. Die Tage verliefen ruhig, die Infanterie hatte einen Waffenstillstand und wurden gegenseitige Besuche im Schützengraben gemacht, viele Engländer sprachen etwas deutsch und konnten wir uns mit Ihnen verständigen. Ihre Stimmung war schlecht. Sie hatten kein Brot und erhielten keine Zeitungen mehr aus der Heimat. Es gab daher einen Tauschhandel. Bis jetzt hatte man Ihnen von den großen Russen siegen erzählt, durch unßere Zeitungen bekamen sie etwas anders zu lesen und wissen jetzt, wie die Sachen stehn. […] Herzlichen Dank und ein kräftiges Gut Heil bis auf Wiedersehn Euer Ernst Blübaum“.

Eine Feldpostkarte zeigt die Grüße des TV Lemgo von der Turnfahrt am Himmelfahrtstage 1916 an die Turner an der Front. Diese Karte kam als unzustellbar zurück und wurde deshalb vermutlich in die Sammlung aufgenommen. Die Menschenverachtung des Krieges  zeigt sich bei einer anderen Feldpostkarte unter dem Titel „Gruss aus russisch Polen“, auf der man die Zeichnung eines russisch-polnischen Juden einer russich-polnischen Laus gegenüberstellte. Trotz zahlreicher jüdischer Soldaten in der deutschen Armee war Antisemitismus nicht unbekannt.

Für die Schüler waren die Schlachtensiege und Friedensschlüsse willkommene Anlässe, da man zumeist schulfrei erhielt bzw. an öffentlichen Feiern teilnehmen konnte. Diese Tage waren im Schuljahr natürlich herausgehoben.

Im Dezember 1916:

Nach bangen Wochen entringt sich heute der Brust ein jubelndes: Herr Gott, dich loben wir! Am 4. Dezember früh betrat Herr Pastor Tölle das Schulzimmer mit der herrlichen Meldung: Die Schlacht am Argesul [Argesch] ist gewonnen! Wir sangen stehend: Nun danket alle Gott! U. a. Dann wurde es in der Schule zu eng. Heller Son-nenschein lachte über den heimatlichen Fluren trotz des dichten herbstlichen Nebelschleiers. Und heute, am 7. Dezember? Bukarest gefallen! Trug es ein Engel ins Schulzimmer? Der Glocken eherner Mund verkündet es über Stadt und Land. […] Diesen stürmischen Siegeszug, diesen Adlerflug von Sieg zu Sieg konnte niemand vorhersehen, keiner erwarten. Diese Tage erinnern wieder an den Siegesglanz von 1914. Das ist nicht Menschenwerk. Das ist Gottes Gericht über unsern hinterlistigsten Feind. Das ist ein Beweis göttlicher Gnade gegen unser liebes deutsches Volk. Lasset uns die Knie beugen und bekennen: Der Herr hat Großes an uns getan! Was Sage und Geschichte Großes zu singen wissen von Heldentum und Sieg, es muß verblassen vor den Heldentaten dieses Krieges. Künftige Geschlechter werden uns beneiden und glücklich preisen, nicht bloß die Helden, die in Bukarest, eingezogen, sondern auch uns, die wir in der Heimat des alles Zeugen sind, auf die der Segen herniederströmt. Gott laß uns deiner Gnade würdig werden durch Opfersinn und Brüdersinn, durch Ausdauer und Geduld!“(Schulchronik St. Johann Ost)

Nationale Feierstunden wie Kaisersgeburtstag wurden entsprechend feierlich begangen, auch wenn man die besonderes Umstände der Kriegszeit berücksichtigte und das Ausmaß begrenzte:

Zum 2. Male, ernst und still, feiern wir den Geburtstag unsers Kaisers in diesem Weltkriegen. An der Schulfeier nehmen alle Klassen teil. Die Ansprache zeigt den Kindern unsern teuren Kaiser als den hehrsten Landesvater und zwar 1) in seinem landesväterlichen, vorausschauenden Wirken und Arbeiten in den 26 Jahren des Friedens; 2. Der Kaiser und sein Volk in den Tagen der Mobilmachung 3.) der Kaiser als Führer des herrlichen Heeres und der gewaltigen Flotte. 4.) des Kaisers Helden und Mitarbeiter. 5.) Einzelne Bilder von des Kaisers Güte. 6.) Unsere Kaiserin und die Söhne des Kaisers. Mit dem Wunsch und Gebet, daß des Kaisers neues Lebensjahr im Frieden ausklingen möge, schloß die Feier. Um 3/4 10 Uhr ist Festgottesdienst zu St. Johann, an dem auch die größeren Schüler teilnehmen. Dann wieder alle zum Bru-che, wo eine große Parade abgehalten wird.“(Schulchronik St. Johann Ost)

Der Friedensschluss mit Russland 1918 war für das Deutsche Reich ein Hoffnungsschimmer und natürlich Anlass für eine Friedensfeier:

Welch eine glückselige, herzerfreuende Nachricht, die heute früh gemeldet wurde! [11.02.1918] Gottlob, nun ist zum ersten mal in diesem Ringen und Völkermorden das edle, so lang und bang ersehnte Friedenswort nicht nur erklungen, sondern fern im Osten zur Wahrheit geworden. Die russischen Streitkräfte sind auf der ganzen Front demobilisiert. Dann ging die Oberklasse, die sich so lange schon, nach einem „siegesfreien“ Tage wieder gesehnt hatte, an einem „friedensfreien“ Schultage strahlenden Auges nach Hause, um von Haus zu Haus zu verkünden: Friede mit Rußland! Und bald klangen zum 2. Mal am Sonnabend, 9.2.18 zum erstenmal nach Abschluß des Friedens mit der Ukraine – die Friedensglocken über Stadt und Land. Möchten die Klänge dringen bis zum fernsten Sibirien zu unsern lieben Gefangenen – auch aus St. Johann – und ihnen künden: Strick ist entzwei – und wir sind frei! – Jetzt ist ein Arm für uns frei. Jetzt hüte dich, England!“(Schulchronik St. Johann Ost)

In Lemgoer Privatbesitz (Hartmut Walter) befinden sich die Feldpostbriefe zwischen Fritz und Lina Ohle aus dem Ersten Weltkrieg. Neben den Briefen und Postkarten, die Fritz Ohle nach Hause zu seiner Frau schrieb, hat sich auch die Korrespondenz Lina Ohles an ihren Mann an der Front erhalten, ein seltener Glücksfall. Dem Stadtarchiv wurde die Feldpost für das Projekt zur Verfügung gestellt. Eine Digitalisierung des Bestandes ist angestrebt.

In ihren Schreiben an den Mann an der Front schildert Lina Ohle ihre Lage in Lemgo, die Sorge um das Geschäft, die Familie und das Neugeborene, die Angst um ihren Mann und die alltäglichen Probleme. Die Briefe gewähren einen unmittelbaren Einblick in die Lebenswelt einer (selbstständigen) Ehefrau während des Ersten Weltkrieges.

Die Feldpostbriefe datieren zwischen den Jahren 1915 und 1918. Hier sollen einige Briefe und Postkarten Lina Ohles in Auszügen wiedergegeben werden.

Die Briefe und Postkarten Fritz Ohles von der Front sind hier nicht ausgewählt, da sie thematisch nicht zum Projekt passen. Wer sich trotzdem für Feldpostbriefe von der Kriegsfront interessiert, sei auf die digital publizierte und transkribierte Feldpost des aus Brake stammenden Paul Vietmeier hingewiesen.

26.7.1915

[…] Heute war ein verwundeter Unteroffizier hier, der wollte die Brosche abholen für 11 Mark. Du hattest sie doch gleich bestellt nicht wahr. Sie ist noch nicht angekommen, länger wie bis morgen, will er nicht warten. Schade, daß wir keine Hülfe haben, wir hätten dann alles weiterführen können. […]

7.8.1915

[…] Karl hatte nach Johanne heute geschrieben, daß noch mal ein Splitter herausgeschnitten ist, ach was hat der arme Junge wohl ausgehalten. Gott gebe doch, daß Karl einen gesunden Arm wiederkriegt u. daß die Schneiderei doch bald vorbei ist. […] Wenn du nur nicht ins Feld brauchst. Gott der Herr schenke uns bald den ersehnten Frieden. Ob die Russen wohl bald damit fertig sind. Gott gebe es. [….]

8.8.1915

[…] […] Es ist hier jetzt merklich still. Soldaten sind noch nicht wieder hier. Frau Kuhlmann […] sagte, ihr Mann hätte gehört, es kämen hier keine wieder hin. Das wäre ja ein gutes Zeichen. Gott gebe auch, daß dieser Krieg bald vorbei ist. […]

18.8.1915

[…] Karl kommt leider nicht, wir sind dort in Ratingen zum Arzt gewesen u. haben gefragt aber Karl muß sich an die Kompagnie wenden, weil die dort ist. [….] Seinen Arm haben wir auch gesehen, sah schrecklich aus, wo geschnitten war u. auch oberhalb der alten Narbe die frische große wo man 1 Fünfmarkstück hat hereinlegen können. Karl glaubt nicht, daß er ins Feld noch mal herein kommt. Heute wieder herrliche Siegesnachrichten Kowno genommen. Gott sei Lob u. Dank, u. dann auch wenn man an die armen Verwundeten denkt. […]

19.8.1915

[…] In Russland geht es mächtig vorwärts. Der l. Gott gebe, daß es mit ihnen bald alle ist, o wenn der liebe Friede doch bald wieder einkehrte. […] Hugo Scheidt hat auch Gestellungsbefehl erhalten. In Rehme werden sie nächste Woche bis 42 eingezogen bis 46 käme bald hinterher. Alma ist vorhin gekommen. Die würden zum Etappendienst 3 Wochen ausgebildet u. dann weiter geschickt. Wo du wohl hinkommst. Der liebe Gott hat es schon längst beschlossen. Hoffentlich kommst du gesund wieder. […]

20.8.1915

[…] Was gibt das jetzt für Aufregungen. O diese herrlichen Siege u. Geschütze, dem Herrn sei Dank dafür. […]

21.8.1915

[…] Es ist doch manchmal gräßlich, wenn man allein ist u. keinen hat der es versteht. In der Dunkelkammer bin ich fast jeden Tag etwas beschäftigt. Spaß macht es mir jetzt ja, aber schöner ist es doch wenn du da bist. […]

23.8.1915

[…] Bist du eigentlich felddienstfähig? Kommst du zur Arbeiterkolonne oder Besatzung? Lieber Fritz, wir wollen es dem Herrn anheimstellen was er mit dir vorhat, wir müssen uns ihm ganz anbefehlen er allein weiß, was gut für uns ist. Schwer wird es dir sicher fallen aber mit Gottes Hülfe wirst du es auch aushalten u… gesund wieder zurückkehren. Wir dürfen das Beten nicht vergessen lieber Fritz u. dann sind wir viel ruhiger u. zuversichtlicher. […]

1.11.1915

[…] Gott sei Lob u. Dank, daß wir im Laden so gut zu tun haben. Hoffentlich ist der Krieg bald vorbei u. mein l. Fritz kommt dann wieder. […]

8.11.1915

[…] Heute ist im Laden allerlei zu tun, dann macht es viel Spaß. Gott sei Dank dafür. Ja. Lieber Fritz, wir können Gott nicht genug danken für seine große Güte, daß Du dort bist u. ich das Geschäft hier soweit fortführen kann. […]

10.11.1915

[…] Gott sei Lob u. Dank, daß Du wieder Garnisondienstfähig geworden bist, hoffentlich bleibst du dort. Als gestern dein Brief kam, worin Du schriebst daß Ihr wieder untersucht würdet, bekam ich es natürlich mit der Angst aber gleich wurde ich ruhiger. […] Heute sind hier über 500 Mann ausgerückt, erst mal hinter die Front, 11 Wochen sind sie jetzt ausgebildet. Kuhlmann aus Luhe ist auch mit ausgerückt. Wilhelm Gerbdering ist in die Vogesen gekommen, hoffentlich kehrt er gesund zurück. Heelmke ist hier im Krankenhause gestorben. Ich sagte Dir ja schon, daß er krank war, er sah ja auch zu jämmerlich aius. Hier passieren schreckliche Dinge, wie man so hört. Auch mit Hemke. Grete Ernst sprach gestern davon, es muß ja fürchterlich sein. Gut, daß Du nicht hier bist, sonst wärst Du sicher felddienstfähig. […]

15.11.1915

[…] Ich bin heute so komisch, ich kann mich nicht so recht ausdrücken. Ein Transport 250 kamen heute wieder fort. […] Die alte Frau Blübaum erzählte mir, daß Köhne heute geschrieben, sie lägen bei Riga von abends 5 bis morgens müßten sie arbeiten, tags über lägen sie in Unterständen, zu Essen gäbe es sehr wenig. O, lieber Fritz wie gnädig ist der liebe Gott Dir gewesen, wenn Du damals mit heraus gekommen wärst, was für Strapazen u. Entbehrungen hättest Du schon durchmachen müssen. […] Gustav Kuhlmann ist im gefangenenlager in Uchte, er muß die franz. U. engl. Briefe lesen. […]

23.11.1915

[…] Im Laden ist allerlei zu tun, ich komme kaum mal zum Sitzen. Heute kommen wieder viel Soldaten 1500. […] Gott der Herr gebe uns bald Frieden, daß dieses schreckliche Morden doch bald ein Ende hat u. Ihr alle gesund wieder zurück kehrt. […]

3.12.1915

[…] Eben war Julius Winter hier, er kam vom Bahnhof, er hat Lehrer Hofmann gesehn, der mit dem Zuge gekommen ist. Traurig sähe der Mensch aus, seine Frau u. Mutter hätten ihn abgeholt. Total entstellt. […] Lieber Fritz, meinst du wirklich, daß ich mit dem Pelz noch warten soll, ich möchte aber so gern jetzt einen haben. […] Nerz möchte ich auch wirklich nicht so gern haben. Das ist zu teuer, das schrieb ich Dir ja auch schon. Marie Schmuck fand das schwarze auch sehr fein. Johanne bekommt von Mutter u. karl auch eine Garnitur. Es wäre ja herrlich wenn Du lieber Fritz sie mit aussuchen könntest. Ich will Dir nun mal den Vorschlag machen, ich suche mir eine aus u. wenn sie Dir nicht gefällt, dann muß ich sie wieder umtauschen können. Daß Du nicht gleich ja sagst, wußte ich schon, aber wenn Johanne nun auch eine bekommt, möchte ich doch nicht zurückstehen. Das willst Du doch auch nicht, nicht wahr. Mit meinen Postkarten machen habe ich soviel doch auch schon verdient u. ich glaube [durchgestrichen: nicht], daß ich so sehr anspruchsvoll nicht bin. Ich spare u. richte doch alles gut ein. […]

26.12.1915

[…] Fritzchen freute sich sich sehr als er die schönen Sachen u. den Baum sah. Das Schneewittchenhaus, Schießgewehr von Tante Halle, Koppel mit Feldflasche u. Becher von tante Johanne, Anzug Feldlazarett mit Krankenschwester u.s.w. das Knusperhäuschen vom Neuentore u. die Soldatenmütze von Onkel August haben ihn viel Spaß gemacht. […] Kürzlich war ein Soldat Verwundeter hier der meinte, es läge an uns, wir Menschen wären noch zu lau, wir beteten wen wir uns in Not u. dergl. befänden, wenn das vorüber wäre hörten wir auch damit wieder auf. Ich glaube fest daß das auch stimmt, man merkt es an sich selbst. Möchten wir doch im neuen Jahre das recht Beten lernen u. nicht aufhören. […]

27.12.1915

[…] Wir gingen 1. Festtag mit Fritzchen bis oben auf die Luerheide wo die Soldaten Schützengraben gemacht hatten, ei wie war das schön, nicht wahr? Doch wir müssen immer wieder denken, daß wir noch nichts auszustehen haben wenn wir auch getrennt sind. […] Im Laden war heute u. gestern auch noch allerlei zu tun, zus. Ungefähr gut 60.-  Das Geld ist mir diesen Monat auch so durch die Finger geflogen, ich weiß nicht wie, alle Eßsachen sind so teuer u. man wollte auch gerne manch einen etwas Gutes tun […] Die Aufnahme von L. Schmuck ihren Jungen habe ich bei Schmucks in der Eckstube oben gemacht, ich dachte natürlich erst, daß es wohl nichts geworden wäre, aber es war doch ganz nett. […]

09.01.1916

[…] Ja, lieber Fritz, du hast große Ursache, dem l. Gott recht dankbar zu sein, als uns das keinen Tag vergessen, denn sieh mal, wie gut hast du es doch gegen die armen Soldaten in Frankreich, die halb im Wasser stecken. […] Wie du weg gingst, da dachte ich doch nicht, daß es auch in unserm Geschäfte so gut weiter ging, ist das nicht Gnade, gorße Gnade von Gott. Und womit haben wir das verdient. Wenn wir gerade auch keine schlechte[sic] Menschen sind, die nicht rauben u. stehlen, aber wir sind doch die reinsten Weltmenschen u. nicht wahr mein lieber Fritz, das soll u. muß anders werden, wenn du wieder hier bist dann wollen wir uns auch mehr an die die Kirche u. Gottes Wort halten. […]

17.1.1916

[…] Hier sind einige sehr schwere Trauerfälle passiert. Vorige Woche ist Frau Oberfranke geb. Kuhlmann gestorben, der Mann ist in Russland, sie haben dorthin telegraphiert nun ist er gestern gekommen, nichts ahnend, In Lage kommt jemand auf ihn zu u. drückt ihn sein Beiland  aus, er weiß von nichts […] Es ist jetzt Siegesfeier auf dem Marktplatz, vorhin spielten sie nun danket alle Gott, dazu leuteten grade die Glocken zur Kirche, man hätte laut weinen können. Die armen Menschen da draußen was müssen die alle durchmachen u. entbehren. O wenn der liebe Gott doch bald ein Ende machte. Wir können nie dankbar genug sein, daß der Krieg in feindesland ist u. nicht in unserm Vaterlande. Was wäre dann wohl aus uns geworden. Gott gebe, daß du nicht noch hinaus brauchst. […] 

18.1.1916

[…] Auch bei Frau Ww. Reese Echternstr. ist nachher eingebrochen. 2 Schinken u. viele Würste gestohlen, die Frau hat 4 oder 5 Soldaten.  […]

19.1.1916

[…] Ich bin heute nachmittag ganz komisch zu mute, ich könnte immer weinen. Es passiert jetzt auch so vielerlei Elend u. Schweres, wenn man so an alles denkt ist es einen furchtbar schwer. […]

14.2.1916

[…] Hier sind jetzt alle junge 18jährige Soldaten hingekommen. Wann mag wohl der Krieg vorbei sein. Hoffentlich gehört Verdun bald uns. […]

4.3.1916

[…] Wie ist es mit der Kriegsanleihe? Ich muß doch wohl noch zeichnen, das ist doch nicht mehr wie recht, das wir dadurch unserm Vaterlande dienen. Wie furchtbar schwer müssen im Westen doch die Kämpfe sein. Gott der Herr sei mit uns. Er helfe mit streiten u. gebe uns bald den Frieden. 

5.3.1916

[…] Martin Kuhlmann hat heute geschrieben, dass sie so schrecklich mit den Engländern im Kampf gewesen wären, er schrieb, sie hätten nicht gedacht, dass sie wieder heraus gekommen wären, so entsetzlich wäre es gewesen, sie hätten nachher alle ihrem Gott [gedankt] dass er sie behütet hätte. Vor 3 Wochen ist er doch erst heraus gekommen. W. Ernst ist auch gleich schön in Frankreich empfangen wegen einen franz. Fesselballon hätte der Zug ¾ Stunde warten müssen, passiert wäre aber nichts. […]

6.3.1916 Soldin

[…] Es tut mir sehr leid, daß die schönen Messing u. Kupfersachen alle weggegeben werden müssen. Hier sind auch große mengen voll abgeliefert, wiebald ist alles wieder aufgebraucht. […] Daß M. Kuhlmann auch schon an der Front ist ghet ja furchtbar schnell. Was sind das aber für [durchgestrichen: junge] Jungens als Vaterlandsverteidiger. Es wird doch alles daran gesetzt um endlich den Sieg zu erringen. […]

7.3.1916 

[…] , nun müssen wir mal sehen, daß der Maurer uns den Waschkessel einmauert, der Kupferne muß nun bald weg gebracht werden. Wir finden immer noch Kupfer u. Messing in den Ecken. Der Gedanke ist doch schrecklich alles nur dazu um Menschen tot zu schießen. Wenn es doch nur erst vorbei wäre. Soll ich wirklich keine Kriegsanleihe mehr zeichnen? Wir können doch unser Geld wirklich nirgends besser unterbringen. Und sollten wir wirklich verlieren was wir ja doch nicht hoffen, dann sind wir unser Geld auch sowie so loswas in den Kassen steht. Vielleicht zeichnen wir noch 3 Was meinst du? Der liebe Gott giebt uns doch wohl bald den ersehnten Frieden. […]

7.3.1916

[…] Schreib doch wegen der Kriegsanleihe. Mutter kann auch noch 3000 zeichnen. Krull will ihr das Geld auszahlen der Rest bleibt dann noch stehen. Es ist doch unsere heilige Pflicht dass wir dadurch unsere Feinde auch schlagen.[…]

3.4.1916 

[…]Was die Engländer nun wohl Angst haben für unsere Zeppeline, nun schon 3 Nächte auf der Reihe haben sie sie besucht. Gott gebe dasses bald genug ist. Wann verdun wohl fällt, oder ob unsere es überhaupt wohl kriegen? […]

18.4.1916

[…] Heute steht wieder in der Zeitung dass kein Fleisch u. Fleischwaren aus Lippe verschickt werden dürfte, ob das an Soldaten nun auch damit gemeint ist, muss ich mich erst mal nach erkundigen, hoffentlich nicht sonst dürfte ich Dir ja nichts mehr schicken, das wäre doch zu ärgerlich. […]

29.6.1916

[…] Diese Tage ist es bedeutend stiller im Laden, eigentlich nur Kleinigkeiten. Ich habe bei Bollmann jetzt, wo alles so teuer ist, weniger bestellt u. noch an Pohlmeyer geschrieben, sie sollten mir Preise einschicken vielleicht ist der noch etwas billiger. […]

3.7.1916

[…] Hier sollten ja schon in mehreren Häusern Haussuchungen gewesen die unheimlich viel Schinken u. Dauerware eingeheimst hatten. Ob alles wahr ist was gesprochen ist glaube ich nicht. […] Im Westen u. Osten ist es fürchterlich. Gott gebe dass dieses das letzte Völkerringen ist. […] 

12.7.1916

[…] Gestern sind 46 Verwundete gekommen von der Somme, soll fürchterlich dort sein. Gott gebe, dass Du das Schreckliche nicht siehst […]

23.6.1917

[…] Auch haben hier heute noch mal von ½ 12 – 12 sämtliche Kirchenglocken geläutet um Abschied zu nehmen. Wie schön u. herrlich lautete das immer aber heute lautete es so schmerzlich,, diese Woche wurden sie wohl herunter geholt um dem Vaterlande zu dienen. Unsere Kirchenglocken behalten wir wohl ebenso bleibt eine wohl in jeder Kirche. Ach wenn der Krieg doch erst zu Ende ware. […]

22.7.1917

[…] Wenn ich zuweilen unsern kl. Liebling ansehe u. denke dann dass Du, sein vater, ihn noch nicht mal gesehen hast u. wird am 28. schon 5 Monat alt, dann ist es mir oft furchtbar schwer u. man wird ganz traurig. […]

29.7.1917

[…] Ach, wenn man das alles geahnt hätte. Vater sagt immer, die Leute wären wohl verrückt, dass sie solch hohe Preise bezahlten aber wenn man nichts hat kann man auch nichts verkaufen. […]

1.1.1918 

[…] Wie herrlich heute am Anfang des neuen Jahres die freudige Nachricht, dass auch unser grösster Feind England das deutsche Friedensangebot wohl annehmen wird. […] Gott erhalte unsern Kaiser u. Hindenburg auch im neuen Jahre.  […] Gestern morgen ist das Militär ausgezogen, beim Schwanenweiher ist ein Stein zur Erinnerung an die 67. gesetzt. […]

4.1.1918

[…] Hier geht [gestrichen: es] abends um 9 Uhr das Elektrische aus, da sitzen wir im Dunkeln. […]

20.1.1918

[…] Rudolf Rehme ist vorige Woche auch hier beerdigt, die Leiche ist auch aus Frankreich geholt, er ist im September gefallen. Ach wie so manche Wunde reisst dieser Krieg doch. […]

11.3.1918

[…] Morgen muss Ernst Eldagsen auch Soldat werden. Solche Kinder. Hoffentlich kommen die nicht mehr mit in die Front. […]

18.3.1918

[…] Gestern abend hielt eine Dame Frau Ly van Brackel einen Vortrag Zuchthäuslerinn 5553 als solche ist sie jetzt in Frankreich gewesen u. ist dort ganz entsetzlich behandelt, dass ein Mensch so etwas aushalten kann, diese scheusslichen Franzosen. Gott gebe dass es im Westen nicht zu schlimm wird u. allzu lange dauert. […]

27.3.1918

[…] Mit Kriegsanleihezeichnen warte ich natürlich bis aufs Äusterste hoffentlich kannst du es noch tun. Die Siege im Westen sind doch herrlich, dass der Feind so geschlagen würde hätte man nicht gedacht. […]

12.5.1918

[…] Hier passiert so allerlei Stehlen Einbrechen, Sich aufhängen u.s.w. ist an der Tagesordnung, es ist jetzt zu schrecklich. Hoffentlich ist der Krieg bald zu Ende, man merkt es zwar noch nicht. Gott gebe, dass es bald vorbei ist. […]