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Themenübersicht zum Jahr 1917

Die Hoffnung, eine Garnison dauerhaft in Lemgo zu behalten, gab man in Lemgo offensichtlich noch nicht auf. In der Stadtverordnetenversammlung vom 16. Juni 1915 stellte der Stadtverordnetenvorsteher den Antrag, der Magistrat solle über diese Frage mit dem Preußischen Kriegsministerium verhandeln. Das Ergebnis muss jedoch negativ gewesen sein, denn am 23. November 1917 teilte der Bürgermeister, inzwi-schen Franz Möller, den Stadtverordneten mit, dass das Bataillon aufgelöst werden würde. Seine Bemühungen um den Erhalt des Garnisonsstandortes seien vergeblich gewesen.

 

Über die Abschiedsfeier und die dabei gehaltenen Reden ist eine Abschrift aus den 1940er Jahren erhalten. Der ursprüngliche Zeitungsartikel erschien am 2. Januar 1918 in der Lippischen Post. Der Kommandeur ging dabei auf die Rekrutenausbildung und die besonders guten Beziehungen zur Stadt und ihren Bürgern ein. Zum Abschied wurde ein Denkmal in Erinnerung an das Bataillon in Lemgo aufge-stellt. Das Denkmal bestand aus vier Findlingsblöcken, die vom ehemaligen Exerzierplatz des Biesterberges heruntergebracht worden sein sollen. In einem der Findlinge ist das Eisenkreuz und darin die Nummer des Bataillons eingetragen.

Erst 1936 sollte Lemgo dann tatsächlich dauerhafter Standort einer Garnison werden, der Artillerie Beobachtungsabteilung B 6 und nach 1945 der britischen Besatzungsstreitkräfte bis 1993.

Ausmarsch des Ersatzbataillons II/67 aus Lemgo nach Bad Salzuflen 1918 (Sta L N1)

Der Frühsommer 1916 brachte eine Wende in der Nahrungsmittelversorgung. Die Kartoffeln wurden knapp. Hinzu kam, dass die Ernte im Herbst durch zuviel Nässe verdarb. Als Ersatz wurden Steckrüben auf die Bezugsmarken ausgegeben. Im Winter 1916/17 wurden Steckrübenrezepte propagiert. Beliebt war dieses Gemüse in kleinster Weise, verhinderte aber eine größere Hungersnot. Anzeige Verkauf von Steckrüben (LP, 9.12.1916).

Bereits im Winter 1914/15 taucht auch in Lippe ein sog. „Kriegsbrötchen“zu 80 gr  auf (so die LP, 13.3.1915), das im März 1915 wieder durch ein 100 gr Brötchen ersetzt wurde. Die Bemerkung in der Zeitung „Wohl keiner wird diesem Sonderlinge eine Träne nachweinen […]“.

 

In den Herbst- und Wintermonaten 1915/16 und 1916/17  musste auch in Lippe das Brot, wie man sagte, „gestreckt“ werden. Dies war eine der Maßnahmen, die Brotversorgung auch über Engpasssituationen hinaus sicher zu stellen. Als Streckungsmittel wurden Kartoffeln eingesetzt (LP, 7.11.1917). Verarbeitet wurden Frischkartoffeln, da nicht genügend Kohle vorhanden war, um Kartoffelmehl herzustellen, das erst später eingesetzt werden sollte. Offensichtlich fand das Brot wenig Anklang in der Bevölkerung und wurde als schlecht und ungenießbar kritisiert. Dies veranlasste die LWG wiederum zu Gegendarstellungen, denen auch die Lippische Post folgte: „Hier in Lemgo haben wir uns alle über das neue Brot gefreut [… ] Wenn einige Detmolder Bäcker sich nicht die Mühe machen – die Kartoffeln genügend zu reinigen und abzupellen - unsere Lemgoer Bäcker bedienen uns in dieser Beziehung in altgewohnter Weise, bestens – oder wenn einige Detmolder besonders empfindliche Mägen dem K[riegs]-Brot nicht glauben gewachsen zu sein, so ist das wirklich noch lange kein Grund, die ganze Sache in Grund und Boden zu verdammen […] Wir essen hier noch immer besseres Brot, wie viele Teile Deutschlands und vor allen Dingen des Auslandes. Wir haben doch wirklich das beste Teil erwählt gegenüber vielen, vielen, die nach einem Stück Brot hungern, gegenüber denen, die sich auf raschem Vormarsch im Felde, auf einsamer Patrouille usw. oft tagelang mit einer Rübe statt Brot begnügten, wir haben hier in Lippe die Zeiten des letzten Winters und Frühjahrs nicht so mitgemacht, wie viele Leute in den Großstädten usw., denen der liebliche Geruch der Steckrübe aus dem Brote entgegen duftete. Die Nörgelei über das neue Brot ist nur der beste Beweis dafür, daß es im vierten Kriegsjahre noch Leute gibt, die ihren Magen nicht mit mobilisierten.

Verstöße gegen die Lebensmittelverordnungen wurden gerichtlich verfolgt; die Verfahren in der Presse veröffentlicht (LP, 9.3.1917).

Im August 1917 kam das Gerücht auf, dass der Magistrat im Keller des Ballhauses Kartoffeln habe verfaulen lassen. Solche Nachrichten wurden offensichtlich mit gewisser Nervösität und Verärgerung aufgenommen. Die Stadt ließ jedoch erklären, dass man sorgsam einzelne, schlechte Kartoffeln entsorgen ließ. Die Stadt wurde für dieses umsichtige Verhalten noch von der Zeitungsredaktion ausdrücklich gelobt. LP, 17.8.1917.

Schlechter als in Lemgo war die Versorgungslage in den Großstädten, vor allem im Ruhrgebiet. Besonders die Kinder litten unter Unterernährung. Im Frühjahr 1917 organisierte man eine frühe Form der Kinderlandverschickung, die auch Kinder nach Lemgo brachte. In der LP vom 19.10.1917 wurde ein Dankesbrief einer der entsendenden Städte (Essen) abgedruckt. Dem Artikel ist zu entnehmen, dass es allerdings auch Probleme, Konflikte gab. Die Kinder mussten wohl auf dem Feld mitarbeiten, eine reine Ferienfreizeit war dies offensichtlich nicht.

Der Wiembecker Volksschullehrer liefert in seiner Schulchronik des Ersten Weltkrieges eine nachträgliche, anschauliche Zusammenfassung der damaligen Versorgungslage:

Das Land mußte sich selbst ernähren, der eiserne Ring, den die Feinde um uns geschaffen hatten, ließ vom Auslande keine Lebensmittel mehr zu uns kommen. Die Ernte war gering ausgefallen. Da wurden auch den Selbstversorgern, d. h. denjenigen, die für den eigenen Bedarf genug Getreide selbst gerettet hatten, nur 7 1/2 , später nur 6 ½ kg pro Person im Monat gelassen (siehe Anhang), also nicht einmal ½ Pfund Brot am Tage. Die „Versorgungsberechtigten bekamen schon seit 1915 nur noch Mehl auf Brotmarken, natürlich weniger als die „Selbstversorger“. Ersatzmittel, durch deren Mehl man das Brot hätte „strecken“ können, waren nicht zu kaufen. Alles war beschlagnahmt. Alles Kaufen und Verkaufen ohne Marken wurde streng bestraft. Man konnte weder Bohnen noch Hafer, weder Zucker noch Kartoffeln, weder Nähgarn noch dergleichen ohne Marken bekommen. Das Schlimmste aber war, daß die Kartoffelernte mißraten war. Da zog bei vielen, vielen Familien  der Hunger ein, besonders in den Städten. Das war der traurigste Winter, den Deutschland seit vielen Jahrzehnten durchgemacht hatte. Da lernte man erst den Wert des täglichen Brotes recht verstehen und die 4. Bitte recht begreifen. Es war ein großes Glück, daß die Steckrüben gut geraten waren, sie bildeten nun das tägliche Gericht. Die „Steckrübengerichte“ im Anhang sollen erinnern an den traurigen „Steckrübenwinter“ 1916/17."

Die Preise für Lebensmittel stiegen im Sommer 1915 an. Besonders bei Fleisch, Butter, Eier und Zucker (LP, 12.7.1915). Diese Preissteigerungen sollten unterbunden werden, da die Kunden ansonsten die Waren gar nicht mehr kaufen würden.

Als im August 1915 eine Händlerin auf dem Lemgoer Markt 1,80 Mark für 1 Pfund Butter verlangte, umzingelten die Lemgoer Kundinnen die Bäuerin mit drohenden Gebärden, ohne dass es zu "Schlimmerem" gekommen wäre. Im Artikel wurden Höchstpreise gefordert, um diesem Treiben Einhalt bieten zu können (LP, 25.8.1915). Vergleiche mit Großstädten wurden gezogen, in denen aber die Lebensmittel günstiger seien.

Im April 1917 kam es anscheinend in Lemgo zu einer Butterknappheit. In einem Leserbrief, abgedruckt in der Lippischen Post (21.4.1917) wurde dies darauf zurückgeführt, dass die milchproduzierenden Landwirte zu zurückhaltend mit der Milchlieferung seien. Nur durch die LWG käme überhaupt noch Milch zur Butterherstellung. Rein rechnerisch würde die Menge an Kühen und Milch in Lemgo und Umgebung ausreichen. Die Landwirte würden aber von der Zwangslieferung befreit, sie würden die Milch an das Vieh verfüttern, stattdessen müsste man strenger sein und empfindlichere Strafen aussprechen, die Landwirte in keinem Falle mehr selbst „buttern“ lassen.

LP, 25.7.1917 „Kinder geht barfuß, Erwachsene schont das Schuhwerk für den Winter, geht barfuß oder barfuß in Sandalen. (…) Eines der besten Streck- und Ersatzmittel ist das Barfußgehen oder das Tragen von Holzsandalen ohne Strümpfe. Kurzsichtige und kleinliche Menschen, die das Barfußgehen lächerlich finden, wird es wohl nicht mehr geben. Es müssen nur einige beherzte Menschen mit der Tat anfangen."

Die Einsparungsvorschläge konnten sich sogar bis auf den Bereich der eigenen Kleidung erstrecken. LP, 8.5.1918: „Aufruf. In Anbetracht des zurzeit herrschenden großen Stoffmangels und der erheblichen Kosten, die jetzt mit der Anschaffung der üblichen Trauerkleidung für die Frauen verknüpft sind, bitten wir die uns angeschlossenen Hilfsausschüsse, dahin zu wirken, daß die weibliche Bevölkerung aller Stände von dem Tragen von Trauerkleidung während des Krieges absieht und nur, wie es bei den Männern üblich ist, durch Anlegung von Trauerflor, insbesondere als Binde um den linken Arm, die Trauer äußerlich kundgibt. (…) Die Trauer geht das Herz an, nicht das Kleid.“

Der Winter 1916/17 war sehr kalt. Das Heizmaterial war knapp, es herrschte akuter Kohlenmangel. Zum 30.12.1916 rief man eine Volksversammlung ein, auf der Clemens Becker einen Vortrag über die Kohlennot in Lemgo und über ihre Ursachen hielt.

 

Dass ein ausgewiesener Sozialdemokrat wie Becker eine solche Versammlung abhielt, mag auf die politische Dimension des Ganzen hinweisen. Aus Brennstoffhandel schloss man auch die Schulen (LP, 2.2.1917) bis zum 19.2.1917. Öffentliche Gebäude wurden teilweise als Wärmehallen eingesetzt, damit sich dort die Menschen aufwärmen konnten. Die Schüler zogen in den Wintermonaten in den Lemgoer Wald und holten auf Schlitten Brennholz heran, das für bedürftige Kriegerfamilien verwendet wurde.

 

Nach Ansicht der Lippischen Post war die Stadt allerdings nicht energisch genug dabei, für eine ausreichende Kohlenversorgung, insbesondere aus dem Ruhrgebiet zu sorgen. Der Mangel an Fuhrwerken, die wohl meistenteils im Heer Verwendung fanden, könne nicht die einzige Ursache sein. Der Vergleich mit den vielen Lebensmitteln und Tieren, die man dorthin geliefert hatte, wurde gezogen. Im Gegenzug kämen nicht genügend Kohlen. Auch würde man die reichlich in der Umgebung vorhandenen Wälder nicht so nutzen, wie es möglich wäre.

Zum 28. Februar 1915 bildeten die Kommunalverbände Stadt Barntrup, Amtsgemeinde Brake, Amtsgemeinde Hohenhausen, Amtsgemeinde Varenholz, Amtsgemeinde Sternberg-Barntrup und Stadt Lemgo eine Arbeitsgemeinschaft. Ziel war die einheitliche Regelung des Verbrauchs an Getreide und Mehl. Oberbürgermeister Höland begründete in einer Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 23.02.1915 (Bericht in der Lippischen Post vom 24.2.1915) die Bildung dieser Arbeitsgemeinschaft damit, dass wenn Lemgo alleine handeln würde, es Nachteile hätte. Zudem könne man mit der Arbeitsgemeinschaft Kosten einsparen. Die zur Verteilung zu bringenden Brotmarken, die alleine zum Bezug von Mehl und Getreide berechtigten, sollten Gültigkeit im gesamten Bezirk der Arbeitsgemeinschaft haben. Einheitspreise für Brot und Mehl wurden festgesetzt.

 

Die Organisation der Arbeitsgemeinschaft wurde zunächst durch Ausschüsse geregelt. Die sechs beteiligten Kommunen bzw. Kommunalverbände entsandten jeweils drei Personen (insgesamt 18) in einen allgemeinen Ausschuss, in dem auch die Bürgermeister der Städte Lemgo und Barntrup sowie der Landrat des Verwaltungsamtes Brake Sitz und Stimme hatten. Daneben wurde ein engerer Ausschuss mit sechs Personen, darunter auch Adolf Sternheim aus Lemgo gebildet. Der engere Ausschuss sollte Änderungen bei Verordnungen und Anweisungen der Arbeitsgemeinschaft beschließen, die durch den weiteren Ausschuss bestätigt, aufgehoben oder korrigiert werden konnten. Für die Kontrolle des Geschäftsführers der Arbeitsgemeinschaft wurde ein dritter Ausschuss mit drei Personen gebildet, dem u. a. Lenzberg aus Lemgo angehörte. Zum Geschäftsführer wurde Adolf Sternheim ernannt.

 

Mit Wirkung vom 12. März 1915 (siehe Abdruck der Satzung in der Lippischen Post vom 16. März 1915) wurde die Arbeitsgemeinschaft durch landesherrliche Verordnung in Lippische Wirtschaftsgemeinschaft (LWG) umbenannt. Der bisherige Geschäftsführer Sternheim trat aufgrund anderer Verpflichtungen in der LWG zurück. Sein Nachfolger war Medizinalrat und Direktor der Lippischen Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus (seit 1906) Dr. Wilhelm Alter. Geschäftsstelle der LWG war in Brake, im sog. Lindenhaus.

 

Die LWG richtete vier Bezirke in ihrem Zuständigkeitbezirk ein, denen jeweils ein Lagerhalter vorstand. Für den Bezirk 1 (Stadt Lemgo und die Dorfsgemeinden Lieme, Leese, Entrup, Lüerdissen, Matorf, Brüntorf, Kirchheide, Weltsorf) war dies Adolf Sternheim. Bei diesen Lagerhaltern erfolgte der Ankauf von Brotgetreide und die Abgabe von Mehl.

 

Mit Beitritt der der Kommunalverbände Amt Schötmar, Amt Oerlinghausen, Amt Lage, Amt Detmold, Amt Horn, Stadt Salzuflen, Stadt Lage, Stadt Detmold und Stadt Horn zur LWG zum 24. bzw. 28. März 1915 erstreckte sie sich auf fast ganz Lippe, mit Ausnahme der beiden Verwaltungsämter Blomberg und Lipperode-Cappel sowie der Städte Blomberg und Schwalenberg. Die Zahl der Lagerhalter wurde auf fünf erhöht und die Bezirke erneut zugeschnitten.

 

Die Lagerhalter übernahmen das angekaufte Getreide und verteilten es auf Anweisung an die Bäcker und Konsumvereine. Die Verteilungsarbeit spielte sich dabei zwischen der LWG, den fünf Lagerhaltern, den Mühlen und den gewerblichen Bäckereien ab.

 

Am 28.9.1916 trat Dr. Alter vom Posten des Geschäftsführers aus "Gesundheitsrücksichten" zurück. An seine Stelle wurde Assessor Brandes gewählt, der sein neues Amt am 1.10.1916 antreten sollte. Der bisherige Vorsitzende der LWG, Geheimer Regierungsrat Kirchhof, ging in den Ruhestand, an seine Stelle rückte Dr. Alter auf (LP 30.9.1916).

 

Ob der der Wechsel in der Geschäftsführung der LWG mit der vorangegangenen Kritik an der Amtsführung Alters zu tun hat, ist unklar.

 

Nach Beschluss der Mitgliederversammlung der LWG vom 23. Juni 1917 wurde diese zum 1. Juli 1917 liquidiert (Staatsanzeiger 1917, S. 607). In der Versammlung des Verwaltungsrates der neuen LWG wurde zum Vorsitzenden des Vorstandes, der Prokurist und Hauptmann der Landwehr Künne aus Bad Salzuflen gewählt. Einer seiner Beisitzer wurde der Konsumverwalter Clemens Becker aus Lemgo (Staatsanzeiger 1917, S. 613). Der bisherige Vorsitzende Dr. Alter trat offensichtlich nicht mehr an und zog sich zurück.

 

Die LWG wurde damit auch strukturell Teil des lippischen Landesernährungsamtes, errichtet zum 7. März 1917, in Form der Geschäftsabteilung, neben einer Verwaltungs- und einer Wirtschaftsabteilung (vgl. Staatsanzeiger 1917, S. 237ff.). Nach einer in der Lippischen Post vom 4. Juli 1917 veröffentlichten Danksagung der lippischen Regierung an Alter scheint dieser in der Verwaltungs-Abteilung des Landesernäherungsamtes weiter mitgewirkt zu haben.

 

Nach einem Bericht der Lippischen Post vom 7. März 1918 wurde anscheinend auch über die Verlegung des Sitzes der LWG von Schloss Brake nach Lage diskutiert. Diese Verlegung scheint nicht stattgefunden zu haben.

 

Im Laufe der Zeit wuchsen die Aufgaben und Zuständigkeiten der LWG. Im letzten Kriegsjahr war sie für die "[...] Erfassung und Verteilung alles dessen, was Mensch und Vieh zum Leben nötig haben [...]" verantwortlich. Dazu zählten Getreide, Mehl, Brot, Hafer, Gerste. Ölfrüchte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst, Kartoffeln, Futtermittel, Milch, Butter, Quark, Eier, Grieß, Graupen, Marmelade, Fleisch und sogar die Regelung des Verkehrs mit getragener Kleidung und Schuhen (Lippische Post, 22.2.1918). Fast täglich wurden in den Zeitungen neue Verordnungen, Bekanntmachungen und Erlasse der LWG veröffentlicht. Es fragt sich in der Tat, inwieweit diese Anordnungen tatsächlich befolgt wurden bzw. befolgt werden konnten.

 

Im Geschäftsjahr 1916/1917 machte die LWG einen Umsatz von 42 Millionen Mark (nach der Lippischen Post vom 1. März 1916 im Jahr zuvor rund 30 Millionen Mark). Verglichen mit dem Haushaltsetat der Alten Hansestadt Lemgo mit einem Ausgabevolumen von im Durchschnitt 300.000 Mark (zwischen 1914 und 1918, vgl. StaL A 499)  eine beachtliche Summe, die einen Eindruck von der Größe dieser Organisation vermittelt.

 

Die LWG bestand auch noch nach Ende des Weltkrieges fort und wurde 1921 mit Auflösung des Landesernäherungsamtes, in die Geschäftsabteilung der neu gegründeten Landesgetreidestelle umgewandelt.

Die LWG arbeitete vor Ort mit einem System von Vertrauensmännern (in den Stadtgemeinden) und Ortsvertretern (in den Dörfern). Diese waren zuständig für die Erstellung der notwendigen Erfassungslisten und die Ausgabe der Lebensmittelkarten bzw. Brotmarken.

 

Für diese Funktion bediente man sich häufig der örtlichen Lehrkräfte an den Schulen. Lehrer Krumsiek aus Wiembeck übernahm für seinen Ort ebenfalls diese Funktion, jedoch offensichtlich nicht mit Freude, wie seiner Schulchronik (StaL H 10/78, S. 49) zu entnehmen ist: "An jedem Orte wurde ein sogenannter Ortsvertreter, meistens der erste Lehrer, angestellt, welcher als verpflichteter Gehilfe der L.W.G., an dem unbeliebten, aber notwendigen Werke half. In Wiembeck musste ich natürlich das Amt übernehmen. Es gab viele Arbeit und viele Unannehmlichkeiten, denn die Bevölkerung konnte sich nur schwer daran gewöhnen, daß ihr das Verfügungsrecht über die selbstgezogenen Mengen genommen wurde."

 

Die Ortsvertreter und Vertrauensmänner standen dabei häufig in einem Spannungsverhältnis zwischen ihrem Auftrag im Sinne einer gleichmäßigen und sparsamen Ressourcenverteilung und den Erwartungen und Ansprüchen ihrer Mitbürger vor Ort.

 

Lemgo war in 50, möglichst kleinräumige Bezirke eingeteilt, für die jeweils ein Vertrauensmann zuständig war. Das Amt wurde ehrenamtlich ausgeübt. Offensichtlich erhoffte sich die Stadtverwaltung dadurch, die durch die eingezogenen Beamten und Angestellten angespannte Personallage entspannen zu können. Ansprechpartner und vorgesetzte Stelle für die Vertrauensmänner war das städtische Lebensmittelamt, das vermutlich identisch mit dem städtischen Bauamt war.

 

Alle vier Wochen erfolgte eine Verteilung der Lebensmittelkarten in der Wohnung des Vertrauensmannes.

 

In einer öffentlichen Anzeige in der Lippischen Post vom 1. Dezember 1916 war die Abholung der Lebensmittelkarten zu entnehmen.

 

Die Aufgaben der Vertrauensmänner wurden in einem 2seitigen Rundschreiben der Stadt beschrieben (aus: StL T 1/15).

 

Rundschreiben Seite 1 | Seite 2

 

Die Anweisungen des städtischen Lebensmittelamtes an die Vertrauensmänner erfolgte wohl auch durch maschinenschriftliche Handzettel, die wichtige (neue) Bestimmungen enthielten. Beispiele (aus StaL T 1/15) dafür aus der Überlieferung der Lemgoer Bürgerschule sind hier zu sehen:

Neben solchen Schriftlichen Bekanntmachungen gab es offensichtlich immer wieder Versammlungen der Vertrauensmänner, bei denen Erläuterungen von Seiten der städtischen Vertreter gegeben wurden, um das Ausfüllen von Listen und die richtige Verteilung der Marken zu gewährleisten. So auch am 26. September 1917 im Ratskeller (siehe Lippische Post vom 27. September 1917). In diesem Fall sprach der Bürgermeister Möller sogar selbst zu den versammelten Vertrauensmännern, deren Arbeit er Wert schätzte und eine Vergütung im Rahmen der ansonsten ehrenamtlichen Tätigkeit in Aussicht stellte.

 

Der Leiter der Lemgoer Bürgerschule, August Stapperfenne (geb. 1858, Schulleiter von 1915 bis 1924), war ebenfalls Vertrauensmann und für den Bezirk Nr. 35 in Lemgo zuständig. Aus Zufall haben sich einige Dokumente aus seiner Tätigkeit als Vertrauensmann erhalten (siehe auch oben). Darunter eine großformatige und mehrseitige Liste aus dem ersten Halbjahr 1917 mit Eintragungen zu den dort wohnenden Personen und ihren Zuteilungen. Diesem Dokument kann man entnehmen, dass er für die Straßen Steinweg und Niedernstraße zuständig war. In ähnlicher Weise dürften auch die anderen Bezirke zugeschnitten gewesen sein.

 

Ein weiterer, Lemgoer Lehrer, der jedoch nicht als Vertrauensmann, sondern als Ortsvertreter der LWG fungierte, war der Bügerschullehrer Fritz Linke (geb. 1874 - gest. 1953), seit 1910/11 an der Bürgerschule. Als er im August 1917 sein Ehrenamt niederlegte, widmete ihm die Lippische Post am 6. August 1917 eine Art Nachruf. Auch in diesem Beitrag wurde die Schwere des Amtes, um das ihn niemand in der Stadt beneidete, betont. Nachfolger Linkes wurde übrigens ein städtischer Beamter, wodurch die Stadt nun selbst die Aufgaben des Ortsvertreters übernahm, vielleicht auch wegen der problematischen Stellung des Ortsvertreters.

 

In einer Versammlung der Ortsvertreter der LWG wurde die besondere Position dieses Amtes durch den Vorsitzenden der LWG, Künne, skizziert (Lippische Post, 20. September 1917). Demnach war der Ortsvertreter Beamter in Diensten der LWG und nicht den Magistraten nachgeordnet; eine Weisungsbefugnis gab es dementsprechend nicht. Dies war wohl auch mit ein Grund für eine längere Auseinandersetzung in der Gemeinde Brake (siehe dort). "Inniges Zusammenarbeiten zwischen Ortsvertreter und Gemeindebehörde sei zur Erreichung der großen Ziele der L.W.G. im allgemeinen Interesse dringend geboten, persönliche Empfindungen müßten ganz zurücktreten: ein Jeder möge der Sache dienen und unbeirrt von der Parteien Haß und Gunst alle Kraft und sein ganzes Ich für die große vaterländische Sache einsetzen." Die Ortsvertreter wurden "[...] als Träger der Kriegswirtschaft des Kommunalverbandes [...]" angesehen.

 

Die Vertrauensleute (und in geringerem Maße auch die Ortsvertreter, da diese zahlenmäßig deutlich weniger waren) bildeten das Verbindungsscharnier zu den einzelnen Haushalten. Dies hatten auch die Werber für die Kriegsanleihe erkannt und nutzten so eine Versammlung der Lemgoer Vertrauensmänner im Oktober 1917 (siehe Bericht in der Lippischen Post vom 13.10.1917), um diese für diesen Zweck zu gewinnen. Die Vertrauensmänner erhielten entsprechendes Info- und Werbematerial und sollten dann von Haus zu Haus gehen, um für die Zeichnung der Kriegsanleihe zu werben, als "vaterländischem Hilfsdienst".

Zunächst bedeutete die Einrichtung des Reservelazarettes eine Erhöhung der Belegungszahlen. In einem Rückblick der Wolffschen Stiftung (A 2475, f. 254r und 255r) wird die Zeit vor Beginn des Krieges so beschrieben, dass das Krankenhaus (mit 80 – 90 Betten) nur teilweise belegt war und hauptsächlich mit Altersschwachen und Siechen.

 

Nach Kriegsbeginn stieg die Zahl auf 125 Betten, die auch alle belegt wurden. Die Zahl der Verwundeten verursachte einen Engpass bei der Versorgung der „Civilkranken“, so dass 1918 die Bitte geäußert wurde, die dem VII. Armeekorps und dem Roten Kreuz zugesicherte Zahl von 70 Betten in der Wolffschen Stiftung zu reduzieren. Der Vaterländische Frauenverein machte zudem den Vorschlag, einen Teil der alten Frauen ins Siechenhaus umzubetten, wofür allerdings nur zwei Frauen in Frage kamen. Der leitende Art Dr. von Möller hatte das Gleiche bereits bei den altersschwachen Männern vorgeschlagen, die allerdings nach Eben-Ezer gebracht werden sollten.

Die räumliche Verknüpfung mit der Wolffschen Stiftung konnte auch zu Problemen führen. Ein eher harmloses Problem war, dass die Post nicht immer richtig getrennt an Wolffsche Stiftung und Lazarett ging.

 

Ein schwierigeres Problem betraf die Mangelwirtschaft; so fehlte ausreichende Bettwäsche, deren Besorgung über die Intendantur des VII. Armeekorps erfolgen sollte. Daneben fehlte es an Verbandsmaterial, Heizkohle und ärztlichem wie pflegerischem Personal.

 

Der kurz vor Kriegsbeginn eingestellte Chirurg Dr. von Möller wurde 1917 bereits zum 3. Mal reklamiert, was dann auch endlich erfolgreich war. Beim pflegerischen Personal stellte sich das Problem, dass eine zusätzliche Schwester nicht, wie bisher geschehen, aus dem Sarepta-Diakonissenhaus in Bielefeld kommen sollte, woher seit der Gründung der Stiftung alle Krankenschwestern gekommen waren, sondern eine Rot-Kreuzschwester, die man der Lazarettkasse und nicht der Kasse der Wolffschen Stiftung zur Last legen wollte.

1866 wurde der Vaterländische Frauenverein durch die preußische Königin Augusta gegründet. In der Folgezeit bildeten sich im Norddeutschen Bund und dann im ganzen Deutschen Reich Zweigvereine und Landesverbände. Sie bildeten das weibliche Pendant zu den Krieger-Sanitätskolonnen des Roten Kreuzes.

Aufgabe des Vaterländischen Frauenvereins war in Friedenszeiten die Vorbereitung der Kriegstätigkeit und die Vermeidung sozialer und wirtschaftlicher Probleme bei den hilfsbedürftigen sozialen Schichten. In Kriegszeiten waren sie unterstützend bei der Verwundetenpflege der Soldaten zuständig. Schirmherrin war die Kaiserin bzw. für den jeweiligen Landesverband die Landesfürstin. Angeleitet wurde der Vaterländische Frauenverein durch den Kaiserlichen Commissar und Miliärinspekteur der freiwilligen Krankenpflege. Dem Verein gehörten ausschließlich Frauen aus der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht an sowie aus dem Adel.

Über die Mitglieder und den Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins in Lemgo wissen wir nur wenig. Lediglich die Mitgliederzahlen tauchen vereinzelt in Zeitungsberichten auf, so sollen sich im Juni 1918 (LP, 25.6.1918) 364 Mitglieder im Verein befunden haben. 

Über die Zusammensetzung des Vorstandes sind wir erst durch das Protokollbuch des Vereins seit dem November 1915 informiert. Bis in den Mai 1918 war die Vorsitzende Frau Hanna Schurig, Ehefrau des Lemgoer Gymnasialdirektors Hermann Schurig, der das spätere Engelbert-Kaempfer-Gymnasium von 1911 bis 1927 leitete. Im Vereinsvorstand wirkten außerdem Fräulein Theopold, Frau Prof. Winter, Frau Geheimrat Overbeck und Frau Prof. Schulz mit. Als Schatzmeister wirkte Kommerzienrat Potthoff, der eine über Jahrzehnte währende Kontinuität im Verein darstellte. Die  Vorstandsdamen waren demnach fast alle Ehefrauen Lemgoer Gymnasiallehrer. 

Im Februar 1918 machte der Vorstand den Vorschlag, die nächsten Vorstandswahlen erst im neuen Jahr durchzuführen. Dem Vorschlag wurde in der Generalversammlung einstimmig gefolgt. Offensichtlich gab es später dann doch Kritik an diesem Entschluss. Auf einer Mitgliederversammlung im April 1918 trat die Vorsitzende Hanna Schurig zurück, Nachfolgerin wurde Frau Geheimrat Overbeck. Stellvertretende Vorsitzende Frau Bertha Theopold. Schatzmeister blieb weiterhin Kommerzienrat Potthof, Schriftführer wurden Pastor Eilers und Oberlehrer Schierholz.

Im März 1918 wurde in Brake ein eigenständiger Zweigverein des Vaterländsichen Frauenvereins eingerichtet, dem bereits bei der Gründung 800 Mitglieder angehörten (LP, 12.3.1918).

Wie überall im Deutschen Reich wurde auch in Lemgo ein Soldatenheim eingerichtet, das unter der Trägerschaft des Vaterländischen Frauenvereins  Ortsgruppe Lemgo stand. Nach dem Jahresbericht des Vereins für das Jahr 1915 wurde Ende Februar 1915 ein solches Heim zunächst im Haus Rampendal 26 eingerichtet und dann  ab dem 1. Dezember 1915 im Haus Mittelstraße 116/118 (Manufakturwarenhandlung David Netheim), wo man großzügigere Räumlichkeiten vorfand. Im Soldatenheim sollten sich die Soldaten zwanglos aufhalten können. Möbel, Zeitungen, Klavier, Ziehharmonika und Spiele standen frei zur Verfügung. Die Öffnungszeiten beschränkten sich zunächst auf den Sonntag zwischen 13.30 und 21.00 Uhr. Ab August 1915 wurde das Heim auf Wunsch der Garnisonsverwaltung täglich geöffnet. Gegen Geld konnte man ZIgarren, Feldpostkarten und Essen erhalten. Die Verpflegung verbesserte sich allmählich; zu Beginn gab es nur Kaffee, dann Backwerk und durch die Unterstützung der LWG später auch Brötchen mit Butter und als diese nicht mehr zu bekommen war, mit Marmelade bestrichen. Die Öffnung auch am Abend stieß auf regen Zuspruch. Suppe mit Brötchen, Kartoffelgerichte, Salat oder Pellkartoffeln wurden schließlich ebenfalls angeboten. Im Sommer 1916 bekamen die Soldaten, welche auf dem vom Bataillon gepachteten Lande arbeiteten, ihre Abendessen im Heim umsonst. Bis zum 1. August 1916 kamen 233 Personen. Bedürftige Soldaten, wel-che von Hause aus keine Unterstützung bekamen, sollten abends im Heim umsonst essen können. 

Mit der Auflösung des Ersatzbataillons in Lemgo zum 31.12.1917 war auch die Zeit für das Soldatenheim vorbei. Die Räumlichkeiten in der Mittelstraße wurden noch bis  zum 1. April 1918 als Wärme- und Lesehalle weitergeführt; die Vorräte zu Gunsten der Vereinskasse verkauft.

Der Vaterländische Frauenverein sorgte sich mit der Dauer des Krieges um die richtige Aufsicht über und die Sorge um die Kinder, deren Väter an der Front und deren Mütter erwerbstätig waren.

Auf einer Vorstandssitzung des Vereins vom 15.2.1917 wurde deutlich, dass eine Mehrheit der Anwesenden, darunter auch mit besonderem Nachdruck die Prinzessin Carola zur Lippe, die Einrichtung eines Kinderhortes nicht nur für wünschenswert, sondern für notwendig hielten. Eine Minderheit sah diese Notwendigkeit nicht ein. Mit einer Anzeige der Lippischen Post (20.7.1917) wurden geeignete Räumlichkeiten gesucht. Im Kinderhort sollten Kinder von 8 Monaten bis zu 4 Jahren aufgenommen werden. Morgens hingebracht, mittags verpflegt und abends wieder abgeholt. Die Mütter müssten sich keine Sorgen um ihre Kinder machen, während sie ihren Beschäftigungen nachgingen. Als Leiterin wurde eine Hilfsschwester in Aussicht genommen, die ein Dienstmädchen als Stütze erhalten sollte. Verschiedene Räumlichkeiten schieden aus nicht näher genannten Gründen aus. Einem Zeitungsartikel in der Lippischen Post vom 21.4.1917 kann man entnehmen, dass das Haus Mittelstraße 1 für das Kinderheim verwendet wurde. Zeitgleich wurden immer noch Möbelstücke (Schränke, Kommoden, Betten…) gesucht. Nach der Vorstandssitzung vom 19.4.1917 hatte bereits ein Fräulein Bussemeier den Kinderhort übernommen, später dann Frau Hold aus dem Vorstand.Unterstützt wurden sie jeweils von Diakonissen.  Die LWG stellte Lebensmittel zur Verfügung. Offizieller Öffnungstag war der 1. Mai 1917 (LP, 28.04.1917). Im Juli 1917 übernahm Prinzessin Carola zur Lippe die Schirmherrschaft für den Kinderhort. 

Der Kinderhort wurde endgültig zum 1. April 1919 geschlossen. Die Zahl der aufzunehmenden Kinder war nach Kriegsende so weit runtergegangen, dass sich ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb nicht mehr lohnte. Durchschnittlich besuchten täglich 25 Kinder 1918 den Kinderhort, zuletzt waren aber nur noch 13. Durch großzügige Spenden konnte der Kinderhort ohne Schulden trotz eines Defizites schließen.

Den Transport der verwundeten Soldaten vom Lemgoer Bahnhof in eines der beiden Lazarette übernahmen die daheim gebliebenen Mitglieder der Sanitätskolonne und anscheinend die Hilfskrankenträger. Auf der

Vorstandsitzung vom 4. April 1916 wurden erstmals Transportscheine für diese Aufgabe eingeführt. Die Mitglieder der Kolonne sollten für jeden Transport und jede Person 1 Mark innerhalb der Stadt erhalten, für Transporte außerhalb der Stadt sollten die Sätze von Fall zu Fall festgestellt werden. Auf der Generalversammlung am 16. April 1917 berichtete Sternheim, dass im vergangenen Jahr 206 Verwundete transportiert wurden. In der Generalversammlung nach Kriegsende 1919 bilanzierte er 130 Transporte mit insgesamt 488 Verwundeten und kranken Militärpersonen.

Einer Anzeige in der Lippischen Post vom 1. September 1916 kann man entnehmen, dass ein Schauturnen der Männer- und Frauenabteilung zu Gunsten der rückkehrenden Krieger veranstaltet werden sollte. Begleitet wurden die Darbietungen durch die Militärkapelle des in Lemgo stationierten II. Reserve-Ersatzbataillons Infanterieregiment 67. Unbekannt ist, welche Männer hier tatsächlich  Turndarbietungen zeigen konnten, da nach Kriegsbeginn der größte Teil der Turner einberufen war und zu Hause die Frauen und Kinder zurück blieben.So waren es die Frauen, die 1916 das Turnleben mit aufrecht erhielten. Beim Lippischen Gauturntag am 2. September 1917 in Lemgo erschien nur noch eine „kleine Zahl Turngenossen“, was als positiv angesehen wurde, da alles in den Turnvereinen „gesund und gebrauchsfähig für das Heer“ sei (LP, 5.9.1917). 

Im Archiv des TV Lemgo (Depositum im Stadtarchiv Lemgo) befindet sich eine Sammlung von Feldpostbriefen, die Turner von der Front in die Heimat und an den Verein geschickt haben. Insgesamt sind 8 Briefe und 97 Postkarten erhalten.  Die Hälfte stammt aus dem Jahr 1914, ein Drittel aus dem jahr 1915 und der Rest aus den Jahren 1916 und 1917. Inhaltlich geht es häufig um Danksagungen für Liebesgaben und Weihnachtsgeschenke aus der Heimat oder einfach um Grüße an die Daheimgebliebenen.

In einem Feldpostbrief vom Dezember 1914 wird auch über die besondere Kriegsweihnachten an der deutsch-englischen Front berichtet:

Nordfrankreich, den 27. Dezbr. 1914. Liebe Turngenossen1 Zuerst sage ich Ihnen herzlichen Dank, für daß schöne Weihnachtspaket, über dasselbe habe ich mich sehr gefreut. […] Weihnachten haben wir hier in Stellung gefeiert, wir hatten einen kl. Weihnachtsbaum unseren Unterstand hatten wir dementsprechend geschmückt auch fehlte das Dortmunder Bier nicht. Die Tage verliefen ruhig, die Infanterie hatte einen Waffenstillstand und wurden gegenseitige Besuche im Schützengraben gemacht, viele Engländer sprachen etwas deutsch und konnten wir uns mit Ihnen verständigen. Ihre Stimmung war schlecht. Sie hatten kein Brot und erhielten keine Zeitungen mehr aus der Heimat. Es gab daher einen Tauschhandel. Bis jetzt hatte man Ihnen von den großen Russen siegen erzählt, durch unßere Zeitungen bekamen sie etwas anders zu lesen und wissen jetzt, wie die Sachen stehn. […] Herzlichen Dank und ein kräftiges Gut Heil bis auf Wiedersehn Euer Ernst Blübaum“.

Eine Feldpostkarte zeigt die Grüße des TV Lemgo von der Turnfahrt am Himmelfahrtstage 1916 an die Turner an der Front. Diese Karte kam als unzustellbar zurück und wurde deshalb vermutlich in die Sammlung aufgenommen. Die Menschenverachtung des Krieges  zeigt sich bei einer anderen Feldpostkarte unter dem Titel „Gruss aus russisch Polen“, auf der man die Zeichnung eines russisch-polnischen Juden einer russich-polnischen Laus gegenüberstellte. Trotz zahlreicher jüdischer Soldaten in der deutschen Armee war Antisemitismus nicht unbekannt.

1917 (LP 20.1.1917) waren dreiviertel aller Mitglieder „zur Fahne gerufen“, so dass anscheinend kaum noch ein Vereinsleben stattfand. Die noch in der Heimatverbliebenen Mitglieder brachten nicht das notwendige Interesse auf „die bisherigen Errungenschaften und Leistungen der Kriegervereine auf der Höhe zu erhalten, sie zu steigern, zu fördern“; es fehlte an Geld und aktiver Mitarbeit. Neue Mitglieder wurden nicht aufgenommen. Die Mitgliederzahl betrug 364. Drei Kameraden waren gefallen, 185 Mann waren eingezogen. Vorträge stießen nicht auf die erhoffte Resonanz. Unterstützungen der Krieger-Familien stellten einen Schwerpunkt der Arbeit dar. Später wurde auch die Bibliothek des Kriegervereins durch Zukauf vermehrt sowie Lichtbildervorträge geplant.

 

Der Mitgliederbestand des Vereins zum 1.2.1918 betrug 341 Männer (im Vorjahr: 356), gefallen waren zwei Männer (Leutnant Schirneker und Landsturmmann Davidsohn). Im Feld befanden sich 196 Kameraden. Neuaufnahmen wurden nicht verzeichnet. Veranstaltungen zu Gunsten des Kriegerdankes (Filmvorführung, Konzert) wurden durchgeführt und die Mitglieder zu verstärkter Werbung für das Projekt angehalten. Zwischenzeitlich wurden die ohnehin nur schwach besuchten Versammlungen ganz ausgesetzt. Erst nach dem Krieg war wieder eine Teilnehmerzahl von 70 Personen erreicht (LP, 18.2.1919). Die Verteilung des Kriegerdankes war dabei eine wesentliche Nachkriegsaufgabe, 723 Anträge waren gestellt worden.

 

 

Der Schulalltag wurde nicht zuletzt durch verschiedene und zahlreiche Sammlungsaktionen geprägt, wie auch der Wiembecker Schulchronik zu entnehmen ist:

Wenn in Erzählungen und Bildern die große Opferwilligkeit des preußischen Volkes im Jahre 1813 hervorgehoben wird, 1914 war sie nicht weniger groß! Auch in der Wiembecker Schule wurde eine Sammelstelle des „Roten Kreuzes“ eingerichtet. Es wurden schon im ersten Winter gesammelt 21 Stück Leinen, 21 Handtücher. 18 Betttücher, 30 Hemden. Viele Frauen der Gemeinde kamen in der Schulstube zusammen, um die Sachen zu verarbeiten, mehrere Nähmaschinen rasselten, andere schnitten oder nähten mit der Hand und bald konnten die Sachen an die Hauptsammelstelle in Detmold abgeliefert werden. Aber damit war die Sammeltätigkeit nicht abgeschlossen. Wie vielerlei und welch große Mengen zusammen gebracht wurden, davon gibt die Übersicht über die Sammeltätigkeit unser[er] Schule […] ein Bild. Im Januar und Februar 1917 fand eine große Specksammlung statt auf Veranlassung des Feldmarschalls Hindenburg, zur Unterstützung der Rüstungsarbeiter, die sog. Hindenburgspende, die unserer Gemeinde ca. 60 kg. Speck zusammenbrachte. Das war ein sehr gutes Ergebnis, wenn man bedenkt, daß in der Heimat längst alle Lebensmittel rationiert waren und jeder Person der Haushaltung nur 50 Pfund vom Schlachtgewicht des Schweines gelassen wurde.“

In der Schule St. Johann 1917:

Am 5. Februar hat sich unsere Oberklasse freudig an der Beschaffung von Brennholz aus dem Walde für unbemittelte Bewohner in Stadt und Land beteiligt. – Auch die beiden Sammlungen zur Hindenburgspende waren sehr erfolgreich. Es sind in unserer, nur von sog. Kleinen Leuten bewohnten Gemeinde: 140,- kg eingesammelt bzw. freiwillig gebracht. Viele Spender haben dabei auf Bezahlung verzichtet. – Eine Reihe der größeren Knaben hat freiwillig für alleinstehende Kriegerfrauen Kohlen und Holz auf Schlitten herangefahren und ist somit auch an ihrem Teil im „Hilfsdienst“ tätig gewesen.

Wieder Wiembeck:

Der Frühling des Jahres 1918 brachte sehr schönes Wetter. Schon Mitte April konnten die Feldarbeiten beendet werden und am 23. April wurde der Wald grün. Es folgte ein schöner trockener Sommer. Das Vieh fand auf der Weide wenig Futter. Auch an der Front trat bei den Pferden Futtermangel ein. Da erging an alle Schulen der Aufruf, Laub von den Hecken und jungen Buchen abzustreifen und in grünem oder getrocknetem Zustande gegen Vergütung an die Sammelstellen abzuliefern. Das Geld wurde von den meisten Lehrern an die Kinder ausbezahlt, manche Schüler verwandten es zur Anschaffung von Lehrmitteln. Die hiesige sammelte neun Mal, der Unterricht fiel dann aus. Es wurden abgeliefert, wie aus der Tabelle im Anhang zu ersehen ist, an die Sammelstelle in Dörentrup die verhältnismäßig große Menge von ca. 30 Zentner Frischlaub und 19 Zentner Laubheu. Das Laub wurde nachher gepreßt und an der Front als Pferdefutter gebraucht. Im September – Oktober sammelte die Schule 6 Zentner Bucheckern, aus denen Öl geschlagen wurde für die Heimat und die Front. Auch viele Privatleute sammelten Bucheckern, besonders diejenigen, welche keinen Mohn oder Rübsamen angebaut hatten, um Öl für den Haushalt zu gewinnen. Überall wurden wieder Ölschlägereien eingerichtet, so auch in der Sägemühle in Brake. Auch Hagebutten und Eicheln, Kastanien und Kirschkerne, Heilkräuter und Brennnesseln wurden durch die Schule gesammelt. Aus den getrockneten Nesseln wollte man Fasserstoffe [gemeint: Faserstoffe] gewinnen, da Baumwolle nicht mehr eingeführt werden konnte.“

In Lemgoer Privatbesitz (Hartmut Walter) befinden sich die Feldpostbriefe zwischen Fritz und Lina Ohle aus dem Ersten Weltkrieg. Neben den Briefen und Postkarten, die Fritz Ohle nach Hause zu seiner Frau schrieb, hat sich auch die Korrespondenz Lina Ohles an ihren Mann an der Front erhalten, ein seltener Glücksfall. Dem Stadtarchiv wurde die Feldpost für das Projekt zur Verfügung gestellt. Eine Digitalisierung des Bestandes ist angestrebt.

In ihren Schreiben an den Mann an der Front schildert Lina Ohle ihre Lage in Lemgo, die Sorge um das Geschäft, die Familie und das Neugeborene, die Angst um ihren Mann und die alltäglichen Probleme. Die Briefe gewähren einen unmittelbaren Einblick in die Lebenswelt einer (selbstständigen) Ehefrau während des Ersten Weltkrieges.

Die Feldpostbriefe datieren zwischen den Jahren 1915 und 1918. Hier sollen einige Briefe und Postkarten Lina Ohles in Auszügen wiedergegeben werden.

Die Briefe und Postkarten Fritz Ohles von der Front sind hier nicht ausgewählt, da sie thematisch nicht zum Projekt passen. Wer sich trotzdem für Feldpostbriefe von der Kriegsfront interessiert, sei auf die digital publizierte und transkribierte Feldpost des aus Brake stammenden Paul Vietmeier hingewiesen.

26.7.1915

[…] Heute war ein verwundeter Unteroffizier hier, der wollte die Brosche abholen für 11 Mark. Du hattest sie doch gleich bestellt nicht wahr. Sie ist noch nicht angekommen, länger wie bis morgen, will er nicht warten. Schade, daß wir keine Hülfe haben, wir hätten dann alles weiterführen können. […]

7.8.1915

[…] Karl hatte nach Johanne heute geschrieben, daß noch mal ein Splitter herausgeschnitten ist, ach was hat der arme Junge wohl ausgehalten. Gott gebe doch, daß Karl einen gesunden Arm wiederkriegt u. daß die Schneiderei doch bald vorbei ist. […] Wenn du nur nicht ins Feld brauchst. Gott der Herr schenke uns bald den ersehnten Frieden. Ob die Russen wohl bald damit fertig sind. Gott gebe es. [….]

8.8.1915

[…] […] Es ist hier jetzt merklich still. Soldaten sind noch nicht wieder hier. Frau Kuhlmann […] sagte, ihr Mann hätte gehört, es kämen hier keine wieder hin. Das wäre ja ein gutes Zeichen. Gott gebe auch, daß dieser Krieg bald vorbei ist. […]

18.8.1915

[…] Karl kommt leider nicht, wir sind dort in Ratingen zum Arzt gewesen u. haben gefragt aber Karl muß sich an die Kompagnie wenden, weil die dort ist. [….] Seinen Arm haben wir auch gesehen, sah schrecklich aus, wo geschnitten war u. auch oberhalb der alten Narbe die frische große wo man 1 Fünfmarkstück hat hereinlegen können. Karl glaubt nicht, daß er ins Feld noch mal herein kommt. Heute wieder herrliche Siegesnachrichten Kowno genommen. Gott sei Lob u. Dank, u. dann auch wenn man an die armen Verwundeten denkt. […]

19.8.1915

[…] In Russland geht es mächtig vorwärts. Der l. Gott gebe, daß es mit ihnen bald alle ist, o wenn der liebe Friede doch bald wieder einkehrte. […] Hugo Scheidt hat auch Gestellungsbefehl erhalten. In Rehme werden sie nächste Woche bis 42 eingezogen bis 46 käme bald hinterher. Alma ist vorhin gekommen. Die würden zum Etappendienst 3 Wochen ausgebildet u. dann weiter geschickt. Wo du wohl hinkommst. Der liebe Gott hat es schon längst beschlossen. Hoffentlich kommst du gesund wieder. […]

20.8.1915

[…] Was gibt das jetzt für Aufregungen. O diese herrlichen Siege u. Geschütze, dem Herrn sei Dank dafür. […]

21.8.1915

[…] Es ist doch manchmal gräßlich, wenn man allein ist u. keinen hat der es versteht. In der Dunkelkammer bin ich fast jeden Tag etwas beschäftigt. Spaß macht es mir jetzt ja, aber schöner ist es doch wenn du da bist. […]

23.8.1915

[…] Bist du eigentlich felddienstfähig? Kommst du zur Arbeiterkolonne oder Besatzung? Lieber Fritz, wir wollen es dem Herrn anheimstellen was er mit dir vorhat, wir müssen uns ihm ganz anbefehlen er allein weiß, was gut für uns ist. Schwer wird es dir sicher fallen aber mit Gottes Hülfe wirst du es auch aushalten u… gesund wieder zurückkehren. Wir dürfen das Beten nicht vergessen lieber Fritz u. dann sind wir viel ruhiger u. zuversichtlicher. […]

1.11.1915

[…] Gott sei Lob u. Dank, daß wir im Laden so gut zu tun haben. Hoffentlich ist der Krieg bald vorbei u. mein l. Fritz kommt dann wieder. […]

8.11.1915

[…] Heute ist im Laden allerlei zu tun, dann macht es viel Spaß. Gott sei Dank dafür. Ja. Lieber Fritz, wir können Gott nicht genug danken für seine große Güte, daß Du dort bist u. ich das Geschäft hier soweit fortführen kann. […]

10.11.1915

[…] Gott sei Lob u. Dank, daß Du wieder Garnisondienstfähig geworden bist, hoffentlich bleibst du dort. Als gestern dein Brief kam, worin Du schriebst daß Ihr wieder untersucht würdet, bekam ich es natürlich mit der Angst aber gleich wurde ich ruhiger. […] Heute sind hier über 500 Mann ausgerückt, erst mal hinter die Front, 11 Wochen sind sie jetzt ausgebildet. Kuhlmann aus Luhe ist auch mit ausgerückt. Wilhelm Gerbdering ist in die Vogesen gekommen, hoffentlich kehrt er gesund zurück. Heelmke ist hier im Krankenhause gestorben. Ich sagte Dir ja schon, daß er krank war, er sah ja auch zu jämmerlich aius. Hier passieren schreckliche Dinge, wie man so hört. Auch mit Hemke. Grete Ernst sprach gestern davon, es muß ja fürchterlich sein. Gut, daß Du nicht hier bist, sonst wärst Du sicher felddienstfähig. […]

15.11.1915

[…] Ich bin heute so komisch, ich kann mich nicht so recht ausdrücken. Ein Transport 250 kamen heute wieder fort. […] Die alte Frau Blübaum erzählte mir, daß Köhne heute geschrieben, sie lägen bei Riga von abends 5 bis morgens müßten sie arbeiten, tags über lägen sie in Unterständen, zu Essen gäbe es sehr wenig. O, lieber Fritz wie gnädig ist der liebe Gott Dir gewesen, wenn Du damals mit heraus gekommen wärst, was für Strapazen u. Entbehrungen hättest Du schon durchmachen müssen. […] Gustav Kuhlmann ist im gefangenenlager in Uchte, er muß die franz. U. engl. Briefe lesen. […]

23.11.1915

[…] Im Laden ist allerlei zu tun, ich komme kaum mal zum Sitzen. Heute kommen wieder viel Soldaten 1500. […] Gott der Herr gebe uns bald Frieden, daß dieses schreckliche Morden doch bald ein Ende hat u. Ihr alle gesund wieder zurück kehrt. […]

3.12.1915

[…] Eben war Julius Winter hier, er kam vom Bahnhof, er hat Lehrer Hofmann gesehn, der mit dem Zuge gekommen ist. Traurig sähe der Mensch aus, seine Frau u. Mutter hätten ihn abgeholt. Total entstellt. […] Lieber Fritz, meinst du wirklich, daß ich mit dem Pelz noch warten soll, ich möchte aber so gern jetzt einen haben. […] Nerz möchte ich auch wirklich nicht so gern haben. Das ist zu teuer, das schrieb ich Dir ja auch schon. Marie Schmuck fand das schwarze auch sehr fein. Johanne bekommt von Mutter u. karl auch eine Garnitur. Es wäre ja herrlich wenn Du lieber Fritz sie mit aussuchen könntest. Ich will Dir nun mal den Vorschlag machen, ich suche mir eine aus u. wenn sie Dir nicht gefällt, dann muß ich sie wieder umtauschen können. Daß Du nicht gleich ja sagst, wußte ich schon, aber wenn Johanne nun auch eine bekommt, möchte ich doch nicht zurückstehen. Das willst Du doch auch nicht, nicht wahr. Mit meinen Postkarten machen habe ich soviel doch auch schon verdient u. ich glaube [durchgestrichen: nicht], daß ich so sehr anspruchsvoll nicht bin. Ich spare u. richte doch alles gut ein. […]

26.12.1915

[…] Fritzchen freute sich sich sehr als er die schönen Sachen u. den Baum sah. Das Schneewittchenhaus, Schießgewehr von Tante Halle, Koppel mit Feldflasche u. Becher von tante Johanne, Anzug Feldlazarett mit Krankenschwester u.s.w. das Knusperhäuschen vom Neuentore u. die Soldatenmütze von Onkel August haben ihn viel Spaß gemacht. […] Kürzlich war ein Soldat Verwundeter hier der meinte, es läge an uns, wir Menschen wären noch zu lau, wir beteten wen wir uns in Not u. dergl. befänden, wenn das vorüber wäre hörten wir auch damit wieder auf. Ich glaube fest daß das auch stimmt, man merkt es an sich selbst. Möchten wir doch im neuen Jahre das recht Beten lernen u. nicht aufhören. […]

27.12.1915

[…] Wir gingen 1. Festtag mit Fritzchen bis oben auf die Luerheide wo die Soldaten Schützengraben gemacht hatten, ei wie war das schön, nicht wahr? Doch wir müssen immer wieder denken, daß wir noch nichts auszustehen haben wenn wir auch getrennt sind. […] Im Laden war heute u. gestern auch noch allerlei zu tun, zus. Ungefähr gut 60.-  Das Geld ist mir diesen Monat auch so durch die Finger geflogen, ich weiß nicht wie, alle Eßsachen sind so teuer u. man wollte auch gerne manch einen etwas Gutes tun […] Die Aufnahme von L. Schmuck ihren Jungen habe ich bei Schmucks in der Eckstube oben gemacht, ich dachte natürlich erst, daß es wohl nichts geworden wäre, aber es war doch ganz nett. […]

09.01.1916

[…] Ja, lieber Fritz, du hast große Ursache, dem l. Gott recht dankbar zu sein, als uns das keinen Tag vergessen, denn sieh mal, wie gut hast du es doch gegen die armen Soldaten in Frankreich, die halb im Wasser stecken. […] Wie du weg gingst, da dachte ich doch nicht, daß es auch in unserm Geschäfte so gut weiter ging, ist das nicht Gnade, gorße Gnade von Gott. Und womit haben wir das verdient. Wenn wir gerade auch keine schlechte[sic] Menschen sind, die nicht rauben u. stehlen, aber wir sind doch die reinsten Weltmenschen u. nicht wahr mein lieber Fritz, das soll u. muß anders werden, wenn du wieder hier bist dann wollen wir uns auch mehr an die die Kirche u. Gottes Wort halten. […]

17.1.1916

[…] Hier sind einige sehr schwere Trauerfälle passiert. Vorige Woche ist Frau Oberfranke geb. Kuhlmann gestorben, der Mann ist in Russland, sie haben dorthin telegraphiert nun ist er gestern gekommen, nichts ahnend, In Lage kommt jemand auf ihn zu u. drückt ihn sein Beiland  aus, er weiß von nichts […] Es ist jetzt Siegesfeier auf dem Marktplatz, vorhin spielten sie nun danket alle Gott, dazu leuteten grade die Glocken zur Kirche, man hätte laut weinen können. Die armen Menschen da draußen was müssen die alle durchmachen u. entbehren. O wenn der liebe Gott doch bald ein Ende machte. Wir können nie dankbar genug sein, daß der Krieg in feindesland ist u. nicht in unserm Vaterlande. Was wäre dann wohl aus uns geworden. Gott gebe, daß du nicht noch hinaus brauchst. […] 

18.1.1916

[…] Auch bei Frau Ww. Reese Echternstr. ist nachher eingebrochen. 2 Schinken u. viele Würste gestohlen, die Frau hat 4 oder 5 Soldaten.  […]

19.1.1916

[…] Ich bin heute nachmittag ganz komisch zu mute, ich könnte immer weinen. Es passiert jetzt auch so vielerlei Elend u. Schweres, wenn man so an alles denkt ist es einen furchtbar schwer. […]

14.2.1916

[…] Hier sind jetzt alle junge 18jährige Soldaten hingekommen. Wann mag wohl der Krieg vorbei sein. Hoffentlich gehört Verdun bald uns. […]

4.3.1916

[…] Wie ist es mit der Kriegsanleihe? Ich muß doch wohl noch zeichnen, das ist doch nicht mehr wie recht, das wir dadurch unserm Vaterlande dienen. Wie furchtbar schwer müssen im Westen doch die Kämpfe sein. Gott der Herr sei mit uns. Er helfe mit streiten u. gebe uns bald den Frieden. 

5.3.1916

[…] Martin Kuhlmann hat heute geschrieben, dass sie so schrecklich mit den Engländern im Kampf gewesen wären, er schrieb, sie hätten nicht gedacht, dass sie wieder heraus gekommen wären, so entsetzlich wäre es gewesen, sie hätten nachher alle ihrem Gott [gedankt] dass er sie behütet hätte. Vor 3 Wochen ist er doch erst heraus gekommen. W. Ernst ist auch gleich schön in Frankreich empfangen wegen einen franz. Fesselballon hätte der Zug ¾ Stunde warten müssen, passiert wäre aber nichts. […]

6.3.1916 Soldin

[…] Es tut mir sehr leid, daß die schönen Messing u. Kupfersachen alle weggegeben werden müssen. Hier sind auch große mengen voll abgeliefert, wiebald ist alles wieder aufgebraucht. […] Daß M. Kuhlmann auch schon an der Front ist ghet ja furchtbar schnell. Was sind das aber für [durchgestrichen: junge] Jungens als Vaterlandsverteidiger. Es wird doch alles daran gesetzt um endlich den Sieg zu erringen. […]

7.3.1916 

[…] , nun müssen wir mal sehen, daß der Maurer uns den Waschkessel einmauert, der Kupferne muß nun bald weg gebracht werden. Wir finden immer noch Kupfer u. Messing in den Ecken. Der Gedanke ist doch schrecklich alles nur dazu um Menschen tot zu schießen. Wenn es doch nur erst vorbei wäre. Soll ich wirklich keine Kriegsanleihe mehr zeichnen? Wir können doch unser Geld wirklich nirgends besser unterbringen. Und sollten wir wirklich verlieren was wir ja doch nicht hoffen, dann sind wir unser Geld auch sowie so loswas in den Kassen steht. Vielleicht zeichnen wir noch 3 Was meinst du? Der liebe Gott giebt uns doch wohl bald den ersehnten Frieden. […]

7.3.1916

[…] Schreib doch wegen der Kriegsanleihe. Mutter kann auch noch 3000 zeichnen. Krull will ihr das Geld auszahlen der Rest bleibt dann noch stehen. Es ist doch unsere heilige Pflicht dass wir dadurch unsere Feinde auch schlagen.[…]

3.4.1916 

[…]Was die Engländer nun wohl Angst haben für unsere Zeppeline, nun schon 3 Nächte auf der Reihe haben sie sie besucht. Gott gebe dasses bald genug ist. Wann verdun wohl fällt, oder ob unsere es überhaupt wohl kriegen? […]

18.4.1916

[…] Heute steht wieder in der Zeitung dass kein Fleisch u. Fleischwaren aus Lippe verschickt werden dürfte, ob das an Soldaten nun auch damit gemeint ist, muss ich mich erst mal nach erkundigen, hoffentlich nicht sonst dürfte ich Dir ja nichts mehr schicken, das wäre doch zu ärgerlich. […]

29.6.1916

[…] Diese Tage ist es bedeutend stiller im Laden, eigentlich nur Kleinigkeiten. Ich habe bei Bollmann jetzt, wo alles so teuer ist, weniger bestellt u. noch an Pohlmeyer geschrieben, sie sollten mir Preise einschicken vielleicht ist der noch etwas billiger. […]

3.7.1916

[…] Hier sollten ja schon in mehreren Häusern Haussuchungen gewesen die unheimlich viel Schinken u. Dauerware eingeheimst hatten. Ob alles wahr ist was gesprochen ist glaube ich nicht. […] Im Westen u. Osten ist es fürchterlich. Gott gebe dass dieses das letzte Völkerringen ist. […] 

12.7.1916

[…] Gestern sind 46 Verwundete gekommen von der Somme, soll fürchterlich dort sein. Gott gebe, dass Du das Schreckliche nicht siehst […]

23.6.1917

[…] Auch haben hier heute noch mal von ½ 12 – 12 sämtliche Kirchenglocken geläutet um Abschied zu nehmen. Wie schön u. herrlich lautete das immer aber heute lautete es so schmerzlich,, diese Woche wurden sie wohl herunter geholt um dem Vaterlande zu dienen. Unsere Kirchenglocken behalten wir wohl ebenso bleibt eine wohl in jeder Kirche. Ach wenn der Krieg doch erst zu Ende ware. […]

22.7.1917

[…] Wenn ich zuweilen unsern kl. Liebling ansehe u. denke dann dass Du, sein vater, ihn noch nicht mal gesehen hast u. wird am 28. schon 5 Monat alt, dann ist es mir oft furchtbar schwer u. man wird ganz traurig. […]

29.7.1917

[…] Ach, wenn man das alles geahnt hätte. Vater sagt immer, die Leute wären wohl verrückt, dass sie solch hohe Preise bezahlten aber wenn man nichts hat kann man auch nichts verkaufen. […]

1.1.1918 

[…] Wie herrlich heute am Anfang des neuen Jahres die freudige Nachricht, dass auch unser grösster Feind England das deutsche Friedensangebot wohl annehmen wird. […] Gott erhalte unsern Kaiser u. Hindenburg auch im neuen Jahre.  […] Gestern morgen ist das Militär ausgezogen, beim Schwanenweiher ist ein Stein zur Erinnerung an die 67. gesetzt. […]

4.1.1918

[…] Hier geht [gestrichen: es] abends um 9 Uhr das Elektrische aus, da sitzen wir im Dunkeln. […]

20.1.1918

[…] Rudolf Rehme ist vorige Woche auch hier beerdigt, die Leiche ist auch aus Frankreich geholt, er ist im September gefallen. Ach wie so manche Wunde reisst dieser Krieg doch. […]

11.3.1918

[…] Morgen muss Ernst Eldagsen auch Soldat werden. Solche Kinder. Hoffentlich kommen die nicht mehr mit in die Front. […]

18.3.1918

[…] Gestern abend hielt eine Dame Frau Ly van Brackel einen Vortrag Zuchthäuslerinn 5553 als solche ist sie jetzt in Frankreich gewesen u. ist dort ganz entsetzlich behandelt, dass ein Mensch so etwas aushalten kann, diese scheusslichen Franzosen. Gott gebe dass es im Westen nicht zu schlimm wird u. allzu lange dauert. […]

27.3.1918

[…] Mit Kriegsanleihezeichnen warte ich natürlich bis aufs Äusterste hoffentlich kannst du es noch tun. Die Siege im Westen sind doch herrlich, dass der Feind so geschlagen würde hätte man nicht gedacht. […]

12.5.1918

[…] Hier passiert so allerlei Stehlen Einbrechen, Sich aufhängen u.s.w. ist an der Tagesordnung, es ist jetzt zu schrecklich. Hoffentlich ist der Krieg bald zu Ende, man merkt es zwar noch nicht. Gott gebe, dass es bald vorbei ist. […]