Bildausschnitt Fritz Ohle, Landesmuseum Detmold
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Themenübersicht zur Vorkriegszeit / Zeit vor 1914

Bevor wir nun unser Augenmerk auf die Umgebung Lemgos richten, seien noch einige Worte über die Stadt in ihrer jetzigen Gestalt gesagt. Sie hat etwa 9000 Einwohner, welche teils Ackerbau treiben, teils vom Gewerbe leben. Früher war Lemgo (neben Wien und Ruhla) berühmt als Fabrikationsort der Meerschaumindustrie, jetzt betreiben nur noch 2 Firmen (Bernhard Tille und Wilhelm Emmerich) diesen Erwerbszweig.

 

Ausser einer Brauerei, einer Leinen-Weberei und einer grösseren Brennerei bestehen verschiedene Zigarrenfabriken am Platze. Bedeutend sind der Wagenbau und die Luxusgeschirrsattlerei. Noch vor kurzem hat eine Lemgoer Firma (Inh. Hugo Scheidt) dem Landesfürsten ein vornehm ausgestattetes Coupè, sowie dem Prinzen Leopold in Meinberg einen Landauer und ein Halbverdeck geliefert, jedenfalls ein Beweis dafür, dass die Wagenindustrie in Lemgo in der Lage ist, auch den verwöhntesten Ansprüchen gerecht zu werden. Ebenso leistungsfähig ist die Fürstlich-Lippische Hofsattlerei der Gebrüder Koch, deren Luxusgeschirre sich im In- und Auslande des besten Rufes erfreuen.

 

Die Stadt besitzt eine eigene Sparkasse, einen Schlachthof, ein Gaswerk und eine Wasserleitung. Letztere ist im Jahre 1900 geschaffen und liefert vorzügliches Quellwasser, das an zwei Stellen in der Umgebung Lemgos aufgefangen und durch Röhren der Stadt zugeführt wird. Das Kanalisationsprojekt liegt fertig vor; einige Strassen sind bereits kanalisiert.

 

So stellt Karl Ottemeyer Lemgo 1907 in einem Fremdenführer vor. Der Hauptteil dieses Führers nehmen natürlich die Bürgerhäuser aus Stein oder Fachwerk, die Kirchen, Kunstwerke und historischen Ereignisse ein. Zwei Aspekte scheinen dabei von Bedeutung für den Verfasser beim Blick auf die Gegenwart gewesen zu sein: Lemgoer Wirtschaftsunternehmen und die „moderne“ Infrastruktur. Ob man heute noch ein Gaswerk oder einen Schlachthof für ein touristisches Werbemittel zweckmäßig ansehen würde, ist fraglich. Um die Jahrhundertwende drückten sie jedoch eine Form des Fortschritts aus; es sollte gezeigt werden: Lemgo ist in der Moderne angekommen.

Auf dem Stadtplan von Gier (um 1885) präsentiert sich Lemgo in seinem Grundrisskern noch als mittelalterliche Stadt. Die Bebauung konzentriert sich deutlich auf das Gebiet innerhalb der Wallanlagen, entlang der alten Staßenverläufe. Dichter bebaut im nördlichen Bereich (Altstadt) und weniger dicht im südlichen Bereich (Neustadt). An den Ausfallstraßen nach Rinteln, Detmold, Lage und Herford sind erste Ansätze einer Außenbesiedlung erkennbar. Industrieunternehmen befinden sich vereinzelt in den noch unbebauten Gebieten. Die Möglichkeit, in der sog. Feldmark (das zur Stadt gehörige, aber außerhalb der Stadtmauern liegende Gebiet aus Feldern und Wiesen) zu siedeln, eröffnete der städtische Magistrat erst 1867. Vorher musste jedes Bauvorhaben als Neusiedlerstätte vom Rat genehmigt werden.

Im „Führer durch Lemgo und Umgebung“ findet sich ein Situations-Plan der Stadt Lemgo, der nur wenige Jahrzehnte später bereits ein deutlich dichteres Straßennetz außerhalb der Wallanlagen zeigt. Die Straßen sind häufig nur mit Nummern bezeichnet und deuten auf eine beginnende oder geplante Erschließung für Siedlungen hin. Im Norden ist inzwischen auch  die 1900 eingeweihte Wolffsche Stiftung erkennbar, als Krankenhaus der Stadt und während des Ersten Weltkrieges als Lazarett benutzt.

Ein wichtiges Infrastrukturprojekt Lemgos wird im Fremdenführer zwar vorausgesetzt, aber nicht selbst erwähnt: der Bahnhof. Die ersten Versuche, einen Bahnanschluss auch in Lemgo zu erhalten, reichen bis in die Mitte des 19. Jhds. zurück, waren aber erst am 8. Juli 1896 mit der feierlichen Eröffnung des Bahnhofs an der Bahnstrecke Lage-Hameln von Erfolg gekrönt. In der Nähe des Bahnhofs (Lagesche Straße, Grevenmarsch) entwickelte sich in der Folge ein Industriegebiet, vor allem der Holzindustrie. Mit der Bahn sind wohl zahlreiche Lemgoer Männer in den Ersten Weltkrieg gezogen. Von hier wurden auch Glocken der Lemgoer Kirchen zur Kriegsmetallspende verladen.

Auf diesem Stadtplan noch nicht vorhanden: das 1911 erbaute Elektrizitätswerk am Bruchweg, heute Stadtwerke Lemgo. Bis dahin wurde künstliches Licht in Lemgo durch Kerzen, Petroleum bzw. Gas erzeugt. Das Gaswerk, etwas weiter südlich, etwa auf dem heutigen Postgelände am Bruchweg, gelegen, wurde 1864 als Privatunternehmer gegründet und sollte vor allen Dingen die Straßenbeleuchtung der Stadt mit Gas sicherstellen.

Für die Bestimmung der Gewerbe- und Sozialstruktur Lemgos um 1900 wurde ein "Alphabetisches Verzeichnis der selbständig lebenden Bewohner und der kaufmännischen Firmen der Stadt", erschienen in "Adreßbuch der Stadt Lemgo, 1909" (1. Aufl.), ausgewertet.

 

Folgende (Berufs-) Gruppen wurden gebildet:

 

Arbeiter: insbesondere Industriearbeiter bzw. Zigarrenmacher/innen.

Ohne Berufsangabe: v. a.  unverheiratete Frauen und Witwen.

Handwerk: keine Unterscheidung  zwischen selbständigen und unselbständigen Handwerkern (Gesellen).

Rentner und Privatiers: leben von Kapital bzw. Zinsen.

Dienstleister:  v. a. Fuhrleute, Haushaltsbeschäftigte.

Angestellte: abhängig Beschäftigte außerhalb des Handwerks und der Privathaushalte.

Öffentlicher Dienst: Kommunal-, Justiz-,  und Finanzverwaltung einschließlich Post- und Bahnbedienstete und Lehrer.

Selbständige: Kaufleute, Fabrikanten, Einzelhändler, Ärzte, Anwälte... (außer Handwerksbetriebe).

Sonstige: Personen ohne konkrete Berufsangaben, häufig Stiftsdamen St. Marien und Pfarrer.

 

In dieser Übersicht fehlen aufgrund der Erfassungsgrundlage die verheirateten Frauen und Kinder.

 

In der Verteilung zeigt sich, dass die Ziegler und (Industrie-)Arbeiter einen annähernd gleich großen Anteil haben, wie das Handwerk. Der landwirtschaftliche Sektor - trotz der für das 19. Jhd. noch üblichen Bezeichnung "Ackerbürgerstadt" - nimmt einen unbedeutenden Anteil ein. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass vermutlich viele Lemgoer noch einen kleinen landwirtschaftlichen Nebenerwerb betreiben oder zumindest einen Garten besitzen. Die Selbständigen - zu denen ein großer Teil des Handwerks hinzugerechnet werden muss - ist die dritte wichtige Säule im Gewerbeleben der Stadt. Der Bereich Verwaltung bzw. öffentlicher Dienst ist noch gering ausgeprägt und wird vor allem durch Beschäftigte der Bahn und der Post dominiert.

Jubelnde Menschenmengen, die patriotische Lieder singen und Fahnen schwenken, während die begeisterten Soldaten in Marschordnung in den Krieg ziehen - so stellte sich das Bild des Kriegsausbruches in Deutschland lange Zeit dar. Das sog. "Augusterlebnis" 1914 prägte im Rückblick die Sicht auf ein geeintes und euphorisch gestimmtes Volk, das freudig den Krieg begrüsste. Heute sieht man dies in der Geschichtswissenschaft deutlich differenzierter.

Für Lemgo lässt sich das Bild und die Stimmungslage im August 1914 (Mobilmachung 1. August) nur schwer fassen, da dazu kaum Quellen vorhanden sind. Das nebenstehende Foto zeigt eine Straßenszene in Lemgo (vermutlich Haferstraße) zu Beginn des Krieges. Mehrere Jungen in zeittypischer Matrosenkleidung stehen vor einer Türe, die mit Mobimachungsbefehlen und Aufrufen beklebt ist.

In den Ausgaben der in Lemgo erscheinenden Lippischen Post finden sich im Juli und August Hinweise auf die Stimmung in der Stadt. Am 31. Juli 1914 berichtete die Zeitung, dass der "Ernst der politischen Lage" auch in Lemgo zum Ausdruck käme. "Es herrschte in den Straßen, besonders in der Mittelstraße, ein reges Leben, und man erwartete mit Spannung die Extrablätter." Es ging natürlich darum, ob und wann die deutsche Kriegserklärung erfolgt.

Am 7. August 1914 boten bereits die ersten Siege in Belgien Anlass zum Jubeln. Man schrieb der Lippischen Post am 8. August: "Gestern abend kam es zu einer begeisterten Kundgebung vor der Redaktion. Kaum war das Extrablatt mit der Nachricht, daß Lüttich von unseren Truppen genommen sei, im Schaufenster zum Aushang gebracht, als sich in kürzester Zeit eine große Menschenmenge angesammelt hatte. Jeder drängte zum Schaufenster, um die Nachricht von dem ersten größeren Erfolg unserer gegen Frankreich kämpfenden Truppen mit eigenen Augen zu lesen. Ein unbeschreiblicher Jubel riß die Menge hin, die darauf "Heil Dir im Siegerkranz" und "Deutschland, Deutschland über alles" in heller Begeisterung sang. Noch lange Zeit war das Schaufenster von zahlreichen Menschen belagert. Mögen mit Gottes Hilfe diesem unserm ersten Erfolg bald weitere folgen."

Einen genaueren Eindruck der Monate Juli und August in Lemgo vermitteln die Aufzeichnungen des Küsters und Lehrers Karl Knappmeier in seiner handschriftlichen "Chronik der Schule zu St. Johann I West" (Stadtarchiv Lemgo T 3/14), begonnen im Juli 1915.

 

Er schreibt: "Am 25. Juli 1914 begannen die Sommerferien. Reif zur Ernte standen die Felder. Blitzend schon fuhr die Sense In das rauschende Korn. Aufgerichtet standen die vollen Garben. Früher als sonst begann die Erntearbeit, da im Schweiß des Angesichts eingebracht wurde, was hoffnungsvoll gesät war. Alle Hände, auch Kinderhände, müssen nun hart schaffen. „Auf Fröhlich Wiedersehen!“ so schieden Lehrer und Schüler am 25. des Erntemonats. Wir ahnten nicht, zu welch großer Erntearbeit deutsche Männer bald gerufen werden sollten, wieviel Größeres auf schönerem Erntefeld eingebracht werden sollte. Ahnten wir es nicht? Zitterte nicht unser Herz, als die grauenvolle Kunde von dem Meuchelmord zu Sarajevo [28. Juni 1914] an unser Ohr drang? – Die Augen unserer Kinder füllten sich mit Tränen über das Leid, das damit auch unserm geliebten Kaiser angetan war.

 

Kaum eine Woche war vergangen, da fiel schon an unsern Grenzen der Verstörer in unsere Ernte. Die Hufe von Kosakenrossen zerstampften die Felder. Die Sense wurde mit dem Schwert vertauscht. Am 1. August nachmittags um 6 Uhr erklang das Wort: „Mobil“ auch durch unsere Stadt und über die Fluren ihrer Feldmark. Am Sonntagmorgen, dem 2. August, schon folgten Familienväter und Jünglinge dem Einberufungsbefehle. Ernste Worte erklangen im Kriegsgottesdienst. Ps. 46. Am Schlusse erhob sich die Gemeinde und sang brausend: Ein‘ feste Burg!

 

Nach dem Bußtage am 5. stellten sich die Kriegsfreiwilligen. Welch stattliche Zahl auch aus unserer Gemeinde! Von Schülern der Schule zu St. Johann seit 1905 traten, freudig dem Rufe ihres geliebten Kaisers folgend, ein: im ganzen bis 1. Oktober 1915 – 32 Jünglinge in der Blüte ihrer Jahre.  Gott mit Euch! Ihr hochgemuten Kriegsfreiwilligen! Wohl sehr glücklich ist, wer zu sterben weiß für Gott und das teure Vaterland! Euer edler Name ist geweiht – der Unsterblichkeit!

 

Täglich erfolgten neue Einberufungen. Unter den Klängen der Wacht am Rhein, Deutschland über alles begleitet von dem Posaunenchor des Jünglingsvereins zogen sie dem Bahnhofe zu. Hunderte und Tausende gaben ihnen das Geleit, verharrten am Bahndamme, bis der lange Zug den Blicken entschwand. „Auf Wiedersehen Mit Gott!“ ihr Streiter im heiligen Kampfe.

 

Stiller und ernster wurde es in der Gemeinde. Allabendlich versammelten wir uns im Gotteshause zur ernsten Betstunde. Auch unsere Jugend. Auch sie fühlte den Ernst der großen Zeit. [...]"

 

Die Darstellung ist natürlich stark patriotisch und nationalistisch geprägt und atmet unverkennbar den Geist ihrer Entstehungszeit. Deutlich wird aber, dass es wohl eine Art Ambivalenz der Einschätzungen gab. Auf der einen Seite der entschlossene Aufbruch in den Kampf, um das vermeitlich angegriffene Vaterland zu verteidigen, andererseits "Stille" und "Ernst". Ungebrochener "Hurra-Patriotismus" war noch nicht angesagt. Der Glaube an einen "heiligen Kampf", dem sich auch die männlichen Schüler nicht entzogen, ist aber bereits Teil der (protestantischen) Kriegsdeutung und wird von Knappmeier in seiner Schulchronik immer wieder betont.

In der Versammlung der Lemgoer Stadtverordneten am 17. August 1914 (Stadtarchiv Lemgo A 503) eröffnete der Stadtverordnetenvorsteher Schulz die Sitzung "[...] mit einer markigen Rede in der er auf die ernste Zeit hinwies welche von Jedem Opfer fordere [...]". Die Stadtverordneten beschlossen, 10.000 Mark für die aus der Kriegslage erforderlich werdenden Ausgaben bereit zu stellen. Sie sollen für den Polizeischutz, die Fürsorge für die Hinterbliebenen von Gefallenen und für die "schwächeren Bürger der Stadt", insbesondere "verschämte Arme", verwandt werden. Der Ankauf von Lebensmitteln mit Blick auf eine Einquartierung und die Einrichtung einer Suppenanstalt sind weitere Vorhaben. Stadt, Kirche und der vaterländische Frauenverein sollen zusammenarbeiten, um soziale Unterstützungen besser leisten zu können. Von Seiten der politischen Entscheider wird deutlich, dass man auch bereit ist, wie die Soldaten, "Opfer" zu bringen, um dem Ganzen zu nützen. Dies ist sicherlich als Zeichen nach Außen gedacht.

Der Lehrer Fritz Krumsiek (12.11.1877 - 11.3.1967) beschreibt in seiner 1924 begonnenen "Schul-Chronik" für die Volksschule Wiembeck (Stadtarchiv H 10/78) die Atmosphäre im August 1914 auf dem Land und in Detmold:

"[...] Dann kam die Mobilmachung; in allen Orten unseres Landes wurde der kaiserliche Aufruf angeschlagen! Einen Augenblick stockte der Pulsschlag in banger Ahnung, aber dann brach die Begeisterung los, wie man sie nie für möglich gehalten hätte. Alle einig! Ein Volk! Ein Wille! Eine Opferbereitschaft! [...]" Der verkündete Burgfrieden Kaiser Wilhelms II. "Ich keine keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche" scheint im Rückblick mit ein Grund  für die Einschätzung Krumsieks gewesen zu sein. Seine Sichtweise ist durchweg positiv geprägt, auch die etwas nervöse Suche nach Spionen kann seinen Blick auf die Dinge nicht trüben: "Meine Frau und ich waren nach Detmold, um uns das Leben und Treiben anzusehen. Die Landstraßen, die nach Detmold führten, waren an vielen Stellen durch lange Ketten gesperrt, Posten mit Gewehren standen daneben. Auch an der Bahn, besonders den Bahnbrücken, standen Posten unter Gewehr. Man witterte überall Spione, auch sollte ein ausländisches Auto mit viel Gold unterwegs sein und abgefangen werden.  Auf der Jerxerheide übten Flugzeuge. Die Flüge waren noch sehr unvollkommen, aber wie hat sich das später im Kriege entwickelt! [...] In Detmold selbst war eine Begeisterung, wie sie etwa 1813 in Breslau geherrscht haben mag. Die Stadt war gefüllt von eingezogenen Reservisten und deren Angehörigen. Überall frohe, zuversichtliche Stimmung. [...] Viele Kollegen, die eingezogen waren, oder ihrer Einziehung in den nächsten Tagen entgegen sahen, trafen wir in Detmold. Es waren unvergeßliche, erhebende Tage!"

Das Gründungsdatum und die näheren Gründungsumstände des Lemgoer Zweigvereins sind unklar. Mitgliederlisten liegen leider auch keine vor, dafür aber ein umfangreiches Protokollbuch aus den Jahren 1915 bis 1938, dem Jahr der Auflösung und Eingliederung in das Deutsche Rote Kreuz. Vereinzelt werden in den Protokolleintragungen auch die Namen der Frauen genannt, die alle den höheren Gesellschaftsschichten der Stadt angehörten. Über die Tätigkeiten des Vereins vor dem Krieg erfährt man wenig. Finanzielle Unterstützungen für ärmere Personen (Wohlfahrtspflege), Sorge und Pflege von Kleinkindern und die Ermöglichung von (Bade-)Kuren zählten dazu. Daneben führte der Verein seit 1904 das sogenannte Siechenhaus (Rampendahl 64), eine Art Altersheim. Davor hatte sich dort das einzige Krankenhaus der Stadt - gegründet 1877 - befunden, bis es durch den Krankenhausneubau an der Rintelner Straße (Wolffsche Stfitung) 1900/01 überflüssig geworden war. Die Verwaltung des Krankenhauses im Rampendahl lag auch in den Händen des Vereins, der sich demnach bereits vor 1877 gegründet haben müsste.

Adolf Sternheim (Foto Städtische Museen Lemgo)

Die freiwillige Krieger- und Sanitätskolonne Lemgo wurde 1911 durch den Juden  Adolf Sternheim gegründet. Ihr Hauptanliegen war die Stellung von Krankenträgern und die Ausbildung von Krankenpflegern. Dazu fanden regelmäßige Übungsabende unter Leitung eines Mediziners statt. Die Sanitätskolonnen waren ursprünglich aus den Kriegervereinen hervorgegangen. Sie stellten ihre Mitglieder in Kriegszeiten dem Roten Kreuz zur Verfügung. Eingesetzt wurden sie als Begleit- und Transportpersonal für verwundete Soldaten. In Friedenszeiten halfen sie bei Unglücksfällen und Katastrophen aus.

Die Protokollbücher der Lemgoer Sanitätskolonne liegen im Stadtarchiv für den gesamten Zeitraum des Ersten Weltkrieges vor. 

Der Lemgoer Turnverein wurde als vierter lippischer Turnverein 1863 auf Anregung Hamelner Turner, die sich auf einer Wanderung zum noch unvollendeten Hermannsdenkmal in Detmold befanden, gegründet. Der Turnverein war zunächst linksliberal ausgerichtet und seine Mitglieder entstammten vor allem dem liberalen Bürgertum in Lemgo. Nach 1900 überwog dann dem allgemeinen Trend folgend eine eher nationale Ausrichtung des Vereins. Man suchte die Kooperation mit dem örtlichen Kriegerverein. Im TV Lemgo gab es zunächst nur männliche Mitglieder; Frauen konnten nur am Rande und nicht als aktive Mitglieder wirken. 1911 gliederte sich eine Frauengymnastikgruppe dem TV Lemgo an. 1913 wies der TV eine Mitgliederzahl von 138 Personen über 18 Jahren auf.

Kriegervereine zählten zu den Veteranenverbänden, die als Zusammenschlüsse von ehemaligen Kriegsteilnehmern versuchten, deren Interessen auf sozialem, wirtschaft-lichem, politischem und kulturellem Gebiet durchzusetzen. Die ersten Kriegervereine entstanden bereits in Folge der Befreiungskriege gegen Napoleon. Einen regelrechten Aufschwung erlebten sie nach den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71. Im sogenannten Kyffhäuser-Bund der Deutschen Landes-Kriegerverbände hatten die Kriegervereine seit 1900 eine übergeordnete Struktur. Die Mitglieder der Kriegervereine rekrutierten sich aus der Arbeiterschaft, den Handwerkern, kleinen Kaufleuten und kleinen Beamten. Die Eliten und Honoratioren hielten sich diesen Vereinen eher fern. Man gedachte den Kriegserlebnissen, kümmerte sich um die Gräber und Denkmäler der Gefallenen, fand sich zu geselligen Abenden zusammen und beteiligte sich mit Aufmärschen an vaterländischen Kundgebungen und Feiern.

Kriegervereine waren im Reich zahlreich vertreten; in den umliegenden Gemeinden gab es auch meist einen eigenen Kriegerverein. In Lemgo wird der Kriegerverein im Zusammenhang mit einer Sedan-Feier 1879 (vermutlich erstmals ) erwähnt. Nahestehende Vereinsgruppierungen waren die Jugendkompagnie (Leitung Gymnasialdirektor Schurig) und die Sanitätskolonne (Leitung: Adolf Sternheim). Eine Fechtschule existierte anscheinend auch; ihre Tätigkeit aber spätestens im Januar 1918 eingestellt.

Auf der außerordentlichen Generalversammlung des Lemgoer Kriegervereins am 10. August 1914 (LP) mußte bereits der ins Feld gerückte erste Vorsitzende (Bollhöfner) durch einen Ehrenkameraden (Sanitätsrat Dr. Heynemann) ersetzt werden. Eine Unterstützungskommission sollte die Familien der im Felde stehenden Vereinskameraden unterstützen. Mitglied des Vereins war u.a. auch der jüdische Rechtsanwalt Wahrburg aus Lemgo und der Führer der Lemgoer Sanitätskolonne und Jude Adolf Sternheim.

Die Generation der sog. Kriegskinder, geboren zwischen 1901 und 1914, wuchsen in einem Umfeld von Autorität, Zwang, Drill, unbedingtem Patriotismus und Opferbereitschaft auf. Das Ziel Soldat zu werden und für das Vaterland kämpfen zu können, war ein normaler Wunsch eines deutschen Jungen im Kaiserreich. Die Beeinflussung durch das militärische Gepräge der Zeit zeigte sich auch in Lemgo durch die Soldaten der Garnison:

Vor allem unsere Jugend begrüßte das militärische Leben, begleitete die Truppen auf ihren Märschen, nahm teil an ihren Übungen in der Grevenmarsch und sang mit ihnen die schönen Soldatenlieder. Wir sahen das Ausheben von Schützengräben, lauschten den nächtlichen Übungen, hörten dem Geknatter der Handgranaten und Minen zu. So konnte man sich ein kleines Bild machen von den Arbeiten und Leistun-gen unserer Helden an der Front.“ (Schulchronik St. Johann).

In der Lemgoer Familie Ohle waren seit dem 18. Jahrhundert Buchbinder zunächst vorherrschend. Mehrere Generationen betrieben dieses Handwerk. Fritz (Ernst Alexander) Ohle (1881 – 1962) war der Erste aus der Familie, der kurz nach 1900 zusätzlich mit dem Fotografenhandwerk begann. Dafür richtete er 1905 im Garten des Hauses Haferstraße 23 in Lemgo ein Fotoatelier ein und legte 1914 die Fotografenmeisterprüfung ab. Der Bereich Fotografie (Fotoaufnahmen, Fotoapparate und- zubehör) nahm einen immer größeren Raum ein. Spätestens nach 1922 war Fritz Ohle nur noch Fotograf.

Fritz Ohle heiratete am 12.11.1909 in Lemgo Lina (Luise Katharine) Ferke (1883 in Lemgo geboren, 1977 in Dörentrup verstorben).  Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Fritz Karl Ernst (geb. 1910), Karl Ernst Christian August (geb. 1917) und Christa Alam Anna Marie Johanne Käthe (geb. 1927).