Bildausschnitt Fritz Ohle, Landesmuseum Detmold
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Am Anfang des 20. Jahrhunderts war Vandoeuvre eine kleine, ländliche Gemeinde und blieb es auch noch lange nach dem Krieg. Sie hatte eine Fläche von mehr als 954 ha und bestand - wie die meisten Gemeinden aus der Umgebung von Nancy - aus einer Hochebene aus Kalkgestein in einer Höhe von ca. 378 m, auf dessen Boden das Regenwasser versickerte. Am Rand des Plateaus befand sich ein bedeutendes Quellgebiet, das von Häusern umsäumt war. Zur Gemeinde gehörte noch eine breite, tiefer gelegene, tonhaltige Ebene.

Die Grundstücke der Gemeinde von Vandoeuvre lagen am nordwestlichen Rand der Gemeinde von Nancy. Seit 1908 waren beide Gemeinden mit einer Straßenbahn verbunden, die selten fuhr und deren Zuverlässigkeit sehr zu wünschen übrig ließ!

Umgebung von Nancy - Vandoeuvre - Überblick. Quelle: „La Lorraine illustrée“

Die zivile Bevölkerung von ca. 1600 Einwohnern hatte sich entlang der stark abschüssigen Hauptstraße sowie um die Kirche und um das Rathaus angesiedelt. Diese beiden Gebäude standen sich etwas oberhalb von der Hauptstraße gegenüber. Einige benachbarte, schmale und kurvige Straßen, wie die „rue de Tonneau“, wo sich die älteste Fontäne befand, wurden bestimmt als Erstes gebaut. Die Einwohner hatten sich auch in den umgebenden und weiter weg gelegenen Vierteln sowie im unteren Teil des Dorfes angesiedelt. Von großer Bedeutung war die Anwesenheit des Militärs in den Kasernen am Rand von Nancy. Zu diesem Komplex gehörte ein riesiges Schießfeld; im Jahr 1908 war sogar ein Wasserturm für die Wasserversorgung der Männer und der Pferde in diesem Gebiet gebaut worden. Die gesamte Bevölkerung umfasste ca. 2500 Einwohner und wurde von einem gewählten Gemeinderat verwaltet. Das Rathaus und die Schule waren im gleichen Gebäude untergebracht. Das Rathaus im ersten Stockwerk, die Schule im Erdgeschoss.

Das Dorf hatte angefangen von neuzeitlichen Entwicklungen zu profitieren. Gegen 1910 wurde die Ausstattung für die Stromversorgung in der Kirche und im Rathaus installiert. Bauliche Maßnahmen zur Verbesserung der Abwasserkanalisation wurden durch den Gemeinderat eingeleitet. Aber die Leute verwendeten immer noch Petroleumlampen zu Hause, und die Straßen blieben nachts dunkel.  

Umgebung von Nancy - Vandoeuvre - Hauptstraße im oberen Teil („Grand-Rue“).
Quelle: „La Lorraine illustrée“

Die Häuser in Vandoeuvre waren typisch für die Dörfer in Lothringen; es waren einstöckige Reihenhäuser entlang der Hauptstraße.

Die Häuser waren tief und bestanden aus zwei Hauptzimmern: die Küche zur Straße hin und ein anderes Zimmer, „das schöne Zimmer“ zum Garten hin. Zwischen beiden Zimmern befand sich ein kleiner Raum, der nur von einer „flamande“ beleuchtet wurde. Dabei handelte es sich um einen Kamin, der zum Räuchern des Schweinefleischs nach dem Schlachten im Winter verwendet wurde. Der Eingang zum Keller war draußen an der Straße. Die meisten Keller hatten eine gewölbte Decke, denn Vandoeuvre war zu dieser Zeit ein Winzerdorf.

In den Kellern lagerten Wein, Lebensmittel und Gemüse. Einige wenige Landwirte lebten außerhalb des Dorfes, weil sie Platz für das Vieh brauchten. Ihre Bauernhöfe bestanden aus einer Scheune, einem Kuhstall und einem Wohnhaus.

Im Dorf waren auch schönere Häuser für die Wohlhabenden. Daran konnte man erkennen, dass die Geschichte von Vandoeuvre eng mit der von Nancy zusammenhängte. Das Schloss „Anthoine“ am Anfang der aufsteigenden Hauptstraße gehörte dazu. Das Gebäude diente als Jagdschloss für die Herzöge von Lothringen.

In der Zeit vor dem Ausbruch des Krieges ließen sich einige Einwohner aus Nancy aus Leidenschaft für die ländliche Umgebung ein schönes Haus in Vandoeuvre bauen. So konnten sie einzelne Tage oder eine längere Zeit dort verweilen.

Vandoeuvre - Der untere Teil des Dorfes
Quelle: „La Lorraine illustrée“
Vandoeuvre - Der obere Teil des Dorfes neben dem Wald
Quelle: „La Lorraine illustrée“

Die Gemeinde von Vandoeuvre war zu dieser Zeit wenig bebaut und hatte viel Wald, Felder und Wiesen. Der größte Anteil der Bevölkerung ernährte sich von Erzeugnissen aus dem Garten und aus der eigenen Zucht von Hühnern und Kaninchen. In den Obstgärten wuchs viel Obst, unter anderem die berühmten Mirabellen und Zwetschgen. Die Bessergestellten hatten einen Brunnen für die Bewässerung. Das Obst und das Gemüse aus dem Garten trug wesentlich zum Einkommen vieler Familien bei. Tatsächlich gingen mehrere Mal pro Woche die Frauen zum Markt in Nancy, um einen Teil ihrer Erzeugnisse dort zu verkaufen. Mit einem Korb oder gegebenenfalls auch einer Karre gingen sie früh am Morgen, oft zu Fuß, und kamen gegen Mittag zurück, wobei die Bessergestellten auch mit der Straßenbahn die Strecke zurücklegten. Bei der Ankunft in Nancy mussten sie eine Gebühr an die Stadtverwaltung im so genannten „Bureau de l´Octroi“ bezahlen, damit sie das Recht hatten, ihre Produkte aus dem Garten zu verkaufen. Das Gleiche galt für alle, die mit Lebensmitteln auf den Markt und vom Markt zurück wollten. Es war eine Art Zoll.

Einige kleine Geschäfte versorgten die Einwohner mit allem Notwendigen. Man konnte alles finden und so war es nicht erforderlich, nach Nancy zu gehen. Die zahlreichen „Cafés“ waren ein Ort der Begegnung für die Männer, die dort stundenlang und besonders am Sonntag Karten spielten und dabei natürlich auch Wein oder Bier konsumierten - zum großen Glück der Wirte, aber nicht der Ehefrauen!

Kleine Handwerker machten sich bei vielen nützlich. Es waren Schreiner, Spengler, Schuhmacher, Sattler, natürlich Barbiere und andere. Die einzige Fabrik, die umgangssprachlich „das Schwarze vom Rauch“ genannt wurde, gab den Leuten Arbeit. Dort wurden die Rohstoffe zur Herstellung von Teer, Farben, Lacken und anderen Dingen produziert.

Viele Frauen arbeiteten zu Hause. Sie waren mit Näharbeiten beschäftigt, fertigten Filzpantoffeln und Hausschuhe an, oder erledigten Bügel- und Wäschereiarbeiten für die Bourgeoisie von Nancy.

Zwei große Waschhäuser, die ausschließlich zum Wäsche waschen dienten, waren vorhanden. Das Waschen war sehr anstrengend und schwer, besonders im Winter. Dieser Ort, der für die Frauen reserviert war, war auch ein Ort der Begegnung und des Austausches, an dem der neueste Dorfklatsch ausführlich zur Sprache kam. Die Häuser wurden erst lange nach dem Ersten Weltkrieg mit einer eigenen Wasserversorgung ausgestattet.

Säger in Montet in der Nähe von Nancy
Quelle: P. Michels

Was die Kinder betrifft, so mussten sie seit den Jahren 1882-1883 zur Schule gehen. Der Lehrer war, zusammen mit dem Pfarrer und dem Bürgermeister, eine wichtige Person im Dorf. Mädchen und Jungen wurden separat unterrichtet. Das Ziel des Lehrers bestand darin, dass die begabten und die fleißigen Schüler das Schulabschlusszeugnis erhielten. Bei der entsprechenden Prüfung wurden alle Fächer berücksichtigt. Die Schüler waren dabei 11 bis 14 Jahre alt. Beim Bestehen dieser Prüfung waren die Familienangehörige der erfolgreichen Schüler glücklich und stolz.

Das Dorfleben drehte sich hauptsächlich um die Kirche und den Pfarrer. Ein neuer Pfarrer wurde im April 1914 nach Vandoeuvre versetzt und übernahm die einzige Kirche der Zeit: „Sainte Melaine“. Neben seiner religiösen Tätigkeit war er eine moralische Autorität und stand den Gemeindemitgliedern bei Trauer oder Schwierigkeiten bei. Er kümmerte sich um die Jugendlichen und war für den Religionsunterricht zuständig; zusätzlich betreute er Freizeitaktivitäten, auch mit dem Ziel die körperliche Fitness, sowie die moralische und soziale Kompetenz zu fördern.

Durch die katholischen Feierlichkeiten war das ganze Jahr strukturiert. Es haben nicht alle Leute die katholische Religion ausgeübt, doch es liegen keine Erkenntnisse vor, dass es andere Religionen, wie Judentum oder Protestantismus, in Vandoeuvre im Jahr 1914 gab. Diese Feierlichkeiten (Weihnachten, Ostern, Firmung und natürlich auch Hochzeiten der Kinder, Kirchweihe) waren Anlass für die Familien, sich um einen schön gedeckten Tisch zu versammeln und die Monotonie des Alltags zu unterbrechen. Der Nationalfeiertag am 14. Juli, ein nicht religiöses Fest, weil seit 1906 die Kirche und der Staat in Frankreich streng getrennt sind, war ebenfalls eine Gelegenheit lustige Ereignisse zu erleben.

Das Leben der Dorfbewohner hatte auch einen Rhythmus durch die Jahreszeiten. Es gab eine Pause im Winter, zu der alle mehr zu Hause blieben. Da zu jener Zeit die Winter schneereich waren, war die Mobilität eingeschränkt. Die Kinder freuten sich aber sehr über den Schnee. Im Sommer nach den Feld- und Gartenarbeiten verbrachten die Dorfbewohner viel Zeit draußen, auf einer Bank oder einem Stuhl sitzend mit den Nachbarn. Das lothringisches Wort dafür war „couarail“. Die Frauen strickten oder stickten, die Männer erzählten Geschichte und die Kinder spielten.

Auch wenn nicht alle Leute sich gut verstanden haben und die Entfernung mancher Viertel vom Dorfzentrum groß war, gab es im Allgemeinen einen richtigen Zusammenhalt unten den Dorfbewohnern.

Es war also eine ganz normale Gemeinde mit einer fast autarken Lebensform, wie viele andere im ländlichen Frankreich. Angekündigt mit dem Läuten der Notglocke und durch den zuständigen Feldhüter wird sie im August 1914 in den Krieg gestürzt. Als sie den Trommelwirbel hörten, versammelten sich die Dorfbewohner. Dann erfuhren sie vom Feldhüter, dass Frankreich in den Krieg zieht und der Befehl zur Mobilmachung gegeben wurde.

Es ist anzumerken, dass im Gegensatz zu vielen Franzosen, die Lothringer nur wenige Dutzend Kilometern entfernt von der deutsch-französischen Grenze lebten und dass eine Vielzahl von Ihnen Flüchtlinge oder Nachkommen von Flüchtlingen aus den im Jahr 1871  verlorenen französischen Gebieten waren. Deshalb kannten sie, mindestens teilweise, die Gründe des beginnenden Konflikts. Dies war nicht der Fall für die Mehrheit der Männer, die überall in Frankreich zur gleichen Zeit mobilisiert wurden.