Bildausschnitt Fritz Ohle, Landesmuseum Detmold
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Im Jahr 1900 und eigentlich schon seit immer ist Vandoeuvre ein Dorf, dessen Bevölkerung aus Winzern, Bauern und einigen Handwerkern besteht. Der Boden der Gemeinde hat eine Fläche von mehr als 900 ha. Vandoeuvre hat 2.500 Einwohner, wobei diese Zahl auch die Soldaten (600 - 800) und ihre Familien berücksichtigt. Zu dieser Zeit werden Kartoffeln, Möhren und rote Bete auf einer Gesamtfläche von 84 ha gezüchtet. Für den Weinbau werden 56 ha benötigt; Weizen, Hafer und Gerste werden im Tal auf einer Fläche von 236 ha angebaut. Fünfzig Jahre später wird an dieser Stelle die neue Stadt entstehen. Die Männer sind für die körperlich schwierigen Arbeiten, wie das Ackern und das Säen zuständig. Die Frauen führen die Kühe auf die Wiese und zum Melken. Ebenfalls erledigen sie die Arbeit in der Küche und im Waschhaus. 

Bei der Getreide- und Heuernte sowie bei der Weinernte machen alle Familienmitglieder mit. Da die Weinreben von der Reblaus befallen sind, müssen die Winzer andere Einkommensquellen finden. So arbeiten sie an verschiedenen Stellen, wie in Werkstätten, oder beim Verleiher von Pferdekutschen, dessen Betrieb im alten „Maison Forte“ des Dorfes untergebracht ist. Dort werden die Tiere gepflegt, die Räder und Achsen repariert. Nach Beendigung der Schulzeit gehen die Kinder, die dann dreizehn Jahre alt sind, in die Fabrik für wenig Geld arbeiten.

(aus privater Sammlung)
(aus privater Sammlung)

Es gibt zwei Betriebe im Dorf: einer befindet sich auf dem kleinen Platz vor der Kirche und der andere gegenüber dem Gebäude, wo die Schule und das Rathaus untergebracht sind.

Die Blechwarenherstellung und die Läden auf dem kleinen Platz. (aus privater Sammlung)

Alle arbeiten auf Nachfrage.

Die Säger in Montet (aus privater Sammlung)

Die Glashütte befindet sich in der „rue de Port“, die heute „Avenue Jeanne d´Arc“ heißt.

Eine berühmte Ziegelei wird schon im Mittelalter in Brichambeau betrieben. Dort werden die Ziegel produziert, die in zahlreichen privaten Stadthäusern von Nancy und auch im Museum „Lorraine“, das zu dieser Zeit „Palais des Ducs“ hieß, verwendet. Die Ziegelei wird durch den Bach betrieben, der seinen Name von dem Herzog „René II“ bekommen hat. Der Herzog unterstützt diese Einrichtung und läßt sie nach der Schlacht von Nancy (im Jahr 1477) neu bauen. Im Jahr 1900 wird eine zweite Ziegelei an dem Ort „Montplaisir“, ehemalige „rue du Montet“, heutzutage „rue du général Leclerc“ - unter der Leitung von Monsieur Neukhomm betrieben.

Am Ort „rue de Nancy“ - heutzutage „rue du général Frère“ - im „Clos Sainte-Camille“ drehen sich die Laufräder der Textildruckerei unter dem Druck des Wassers aus dem Bach mit dem Name „des Fosses“. Es wird später den Namen „Bächlein von Brichambeau“ erhalten. In der Textildruckerei werden einige Dorfbewohner beschäftigt. Nachdem das Gebäude in ein Bauernhaus umgebaut wurde, wird es im Jahr 1952 das dritte Rathaus von Vandoeuvre. Zum Bauernhaus gehört noch ein großer Park und ein Teich mit Schwänen. Das Gebäude wird im Jahr 1992 zerstört.

Zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wird in Montplaisir eine Malz- bzw. Zuckerfabrik betrieben. Diese erinnert an die unter Napoléon vom Mathieu de Dombasle gegründete Fabrik, die zur Gewinnung von Zucker aus der Zuckerrübe diente. Die Zuckerrübe wurde auf Dutzende von Hektaren, zwischen Le Montet und Montplaisir, unter Federführung des Agronoms angebaut. Das Ziel war die Folgen der von Napoléon eingeführten Kontinentalblockade gegen England und die sich ergebende Entbehrung von Zucker aus den Antillen auszugleichen. Als die Blockade aufgehoben wurden und die gelagerte Ware noch nicht verkauft wurde, war Mathieu de Dombasle ruiniert. Dank seiner Erfindung des Pfluges entging er dem Bankrott. 

Zahlreiche Familienbetriebe stammen aus der Landwirtschaft oder der Aufzucht: der Gemüseanbau in Nabécor, und bei der Radrennbahn in Montet, Schweinezucht, Käserei... in Montet

Die Töpferei am Ort „rue de Nancy“, heutzutage „rue du Général Frère“, wird gegen 1970 abgerissen. Sie war berühmt für die Qualität der blauen Erde, aus denen die Töpfer Tongefäße für Konserven (Cornichons, Bohnen, Tonkrüge, Blumentöpfe) anfertigten, aber auch von Wasserrohren und Fliesen für Kachelöfen.

Der Töpfer M. Goutier (aus privater Sammlung)

Die Eisenbergwerke, im Dorf und bei Montet, werden bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts betrieben.

Ausgang des Bergwerks in Hanglage im Dorf oder in Montet. (aus privater Sammlung)
Förderwagen mit Erz in einem Stollen, im Dorf oder in Montet. (aus privater Sammlung)
Die Brücke der Grube verhinderte, dass Fußgänger durch Steinschläge, während die Förderwagen das Erz vom oberen Teil des Dorfes herunterfuhren, verletzt wurden. (aus privater Sammlung)
 

Die Kalkgruben werden unter dem Abhang von Brabois von der Gesellschaft Bonardel und später Nitelet betrieben.

Riesige Klötze aus Kalkstein, die aus der Hochebene von Brabois stammen.
(aus privater Sammlung)

Auf dem Plateau in der Nähe des Friedhofs wird Öl aus Traubenkernen in der Mühle produziert. Obwohl die Mühle im Jahr 1926 restauriert wird, gibt es immer weniger Weinberge und die Mühle wird nicht mehr betrieben und verkommt.

Die Ölmühle auf Postkarten und auf einem Gemälde von 1922.
(aus privater Sammlung)

Es gibt auch zahlreiche Geschäfte im Dorf: drei Bäckereien, ein Kurzwarengeschäft, zwei Fleischereien, fünf Lebensmittelgeschäfte und sechs Bars.

(aus privater Sammlung)
Verschiedene Läden im Dorf. (aus privater Sammlung)
Gaststätte „Beim Gasruß“. (aus privater Sammlung)
Landgasthof in der Gegend des Wasserturms. (aus privater Sammlung)

Es gibt zahlreiche Bauern- und Pachthöfe, und eine Schäferei in der „rue de Villers“, in dem ehemaligen Landbesitz der „Prieurs“, Gutsherren von Vandoeuvre bis zum Jahr 1700.

(aus privater Sammlung)

Die Feuerwehrleute sowie andere Gemeindeangestellte.

(aus privater Sammlung)

Schon im Jahr 1906 war die Radrennbahn einer der ersten und sehr beliebten Ort für die Freizeitgestaltung während der sorglosen „Belle époque“. Das Bierlokal im Jugendstil (Ecole de Nancy) war Sonntags immer überfüllt; die Bewohner von Nancy, mit ihrer besten Kleidung angezogen, waren dort sehr glücklich. Zum Anlass der Radrennen versammelten sie sich dort, aber auch um feine Essen zu genießen, beim Musikabend mit einer Band zu tanzen, und das alles im einem Dekor, das mit den besten Restaurants von Nancy wetteifern konnte…In der Nähe befanden sich zahlreiche Bierlokale mit Terrasse, Kegelspiele, Schaukeln und freistehende Sommerlauben.

(aus privater Sammlung)
Das Bierlokal der Radrennbahn im Jugendstil: hier oben, von innen, hier unten, von aussen. (aus privater Sammlung)
Der Biergarten in Charmois. (aus privater Sammlung)
Hier im Jahr 1900, Schlittschuhlaufen auf dem See Neukhomm, der von dem Bach „Nabécor“ an dem Ort „Montplaisir“ in der Nähe der Ziegelei gespeist wird.
(aus privater Sammlung)
Tag der Radrennen bei der Radrennbahn: es werden Leute aus dem Ort angestellt: am Ticketschalter, für die Aufsicht, für die Reinigung… (aus privater Sammlung)
  • Das Schloss „Anthoine", zu der Zeit im Besitz von M. Boniface, ein Vermieter von Pferdekutschen, beschäftigt Pferdeknechte, Kutscher, Kunstschmiede, Hufschmiede und Haushaltsangestellte.
  • Das Schloss „Montet“, Anwesen des Barons Fould, Mitbegründer der Gießerei „Pompey“ und Betreiber des Eisenbergwerks, beschäftigt zahlreiche Angestellte.
  • Das Schloss „Brichambeau“ ist ein Landwohnsitz, dessen Landgut teilweise an die Armee für die Kaserne Drouot abgegeben wurde.
  • Das Schloss „Brabois“ in Villers besteht aus einem sonntags sehr gut besuchten Bierlokal, wo Leute aus Vandoeuvre arbeiten, aus einem Gutshof, das für die Bewirtschaftung der Felder von Vandoeuvre zuständig ist, und aus einem Park, der das Können der Feldhüter von Vandoeuvre erfordert.
  • Das Landgut „Charmois“ beschäftigt einen Verwalter, einen Landwirt und Angestellte für die Gebäude und den Garten.
  • In der ehemaligen herzoglichen Jagdhütte (Clair-Matin, später ab 1950 Institut R. Carrel), helfen Frauen aus Vandoeuvre den Ordensschwestern beim Betrieb eines Waisenhauses für Mädchen.
  • Bei den Notabeln im Ort werden hauptsächlich weibliche Angestellte beschäftigt.
(aus privater Sammlung)
(aus privater Sammlung)
(aus privater Sammlung)
(aus privater Sammlung)
(aus privater Sammlung)
  • Standort für die Insektenbekämpfung (Reinigung der Matratzen aus Tierhaaren, der Baumwolle, der Federkopfkissen), in der Strasse von „Mirecourt“.
  • Stadtteil der Armee „Drouot“: zivile Bedienstete in den Küchen, für die Bekleidung, für die Versorgung,…
  • Fabriken: auf dem  Standort des Freizeitparks befanden sich zwei Fabriken: eine Essigfabrik und eine Fabrik für die Herstellung der Grundmaterialien, die für die Anfertigung von Reifen für die ersten Autos notwendig waren.
Werbung für den in Vandoeuvre produzierten Essig.
(aus privater Sammlung)
Die Gasrußfabrik „le noir de fumée“
(aus privater Sammlung)
Das Viertel (aus privater Sammlung)
Die Werkstätte (aus privater Sammlung)
Werbung für die Reifen der Marke „Hutchinson“; die Grundmaterialien für die Herstellung stammen von einer Fabrik aus Vandoeuvre. (aus privater Sammlung)
Werbung für die Reifen der Marke „Hutchinson“; die Grundmaterialien für die Herstellung stammen von einer Fabrik aus Vandoeuvre. (aus privater Sammlung)

Im Viertel „Tourtel“, das kurz vor dem ersten Weltkrieg entstanden ist, arbeiteten Leute aus Vandoeuvre, für die eine Arbeiterstadt gegründet worden war, in der Fabrik für Stoffe „Lang“ in Nancy-Bonsecours.

(aus privater Sammlung)
(aus privater Sammlung)

Der berühmteste Arbeitgeber war die Fabrik „Noir de Fumée“ (die Gasrußfabrik) mitten in der Gemeinde Vandoeuvre. Heutzutage befinden sich an diesem Ort ein Einkaufszentrum und das höhe Bürogebäude „Les Nations“. Die Fabrik wurde im Jahr 1889 von der Familie Crocquetaine gegründet; seit dem Jahr 1955 stand die Fabrik leer. Im Jahr 1968 brannte sie, und das Löschen dauerte drei Tage. Zur Mittagszeit war es stockdunkel!

Vollgummireifen für die ersten motorisierten Autos, Laufbahnen für die Schlauchreifen! Die Firmen Dunlop und Hutchinson zählten zu den Kunden der Fabrik, deren Rauchwolke von weiten zu sehen war und überall eindrang, in die Häuser, die Wäsche, die Lebensmittel, die menschlichen Körper…Nur wenige Arbeiter erreichten das Rentenalter! Nase, Hals, Lungen, Magen, alle Organe waren sehr schnell aufgrund der Giftigkeit der Stoffe angegriffen, die sie von den erkalteten Ofenmauerung (Länge von 50 m) abkratzen mussten. Diese Stoffe enthielten Chemikalien, wie z. B. Naphthalin, und wurden im Ofen bis zu mehreren Hunderten Grad erhitzt. Die Arbeiter begann ihre Arbeit dort ab einem Alter von 12 bis 13 Jahren, wie ihre Väter. Diese Arbeit bedeutete soviel wie eine Religion. Das Gehalt war gut und die Angehörigen wurden vom Chef versorgt (kostenlose medizinische Versorgung, Ferienlager für die Kinder, Gutscheine für Kartoffeln und Kohlen, Beistand für die Familien im Fall des Todes eines Arbeiters). Ein ganzer Viertel wuchs um die Fabrik herum. Mit Reststoffen wurden die Arbeiterhäuser gebaut. Der Boden bestand aus gestampfter Erde, und die Wände aus Blech. Bei einer Geburt wuchs das Haus mit. Nur die Poliere konnten sich richtige Häuser leisten. In einem so verschmutzten Viertel war es auch nicht leise. Es war immer laut. Früh morgens wurden die Schießstände von den Regimenten besetzt. Das Gebläse der Öfen und die Sirene der Fabrik („Gueulard“), die tags- und nachtsüber läutete, gaben dem Leben sein Rhythmus. Beim Ertönen der Sirene trafen sich zwei Strömungen von Arbeitern. Die einen, erschöpft, trugen immer noch trotz Dusche Schmutzspuren. Sie benutzten keinen Lappen um sich zu waschen, aber harte Bürsten, um den schwarzen Staub aus den Poren und den kleinsten Verletzungen - wie kleine Tätowierungen - zu entfernen. Bevor sie in den Ofen hereingingen, schmierten sie sich Öl um die Augen, um die Bildung von Wunden bei der Reinigung zu vermeiden. Die Anderen in ihren Blaumännern, die trotzt wiederholter Wäsche im Waschhaus steif vor Ruß waren, gingen um acht Uhr in die Unterwelt…oft nachdem sie die ganze Nacht heftig gehustet hatten. Aber die Fabrik musste immer weiter laufen. Wenn die Arbeiter der folgenden Schicht noch nicht anwesend waren, fuhren sie mit einer weiteren Schicht der Arbeit fort: kratzen, schippen das klebrige Zeug in die Jutesäcke. Man kann es mit dem Toner unserer heutigen Drucker vergleichen.

Der Viertel sah nicht besonders ländlich aus, obwohl er von Gärten, Wiesen und einem großen Anwesen, dem vom Schloss Charmois umgeben war. Alles, was die Hausfrauen züchteten, musste ein Paar Mal geputzt werden, um vom Ruß befreit zu werden. Die Wäsche vergaß sehr schnell, dass sie mal weiss gewesen war. Ganz schlimm war es, die Wäsche bei Regen oder Gewitter draußen zu vergessen. Der kleinste Wassertropf und das weisse Laken war dunkel befleckt. 

Es gab zwei Esslokale mit eine Terrasse für die schönen Tage. Der Wind musste aber günstig sein, sonst sahen die Butternudeln so aus, als wenn sie mit einer Sauce aus der Tinte vom Tintenfisch - noch nicht bekannt zu dieser Zeit - serviert wurden. 

Die Fabrik von Vandoeuvre nahm an den Bemühungen des Krieges teil, auf jedem Fall bezüglich der Reifen aus Dunlop oder Hutchinson für die Taxis aus der Marne… Die Kinder und die Arbeiter, die nicht mobilisiert waren, nahmen den Platz ihrer Söhne, Brüder, Cousins an, die für die Front in eine andere Hölle gegangen waren.

Nach den zweiten Weltkrieg hat die Fabrik ihre Aktivitäten ausgeweitet und belieferte die Farbenfabrik Ripolin und Druckereien, aber auch die chemische Industrie und medizinische Labore.

Der Brand, der im Jahr 1968 in den leeren Fabrikgebäuden wütete, war in 30 Kilometern Entfernung immer noch zu sehen, und der Wind trug die Asche der Fabrik bis auf die Vogesenbelchen.