Bildausschnitt Fritz Ohle, Landesmuseum Detmold
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Bei Kriegsbeginn 1914 erwarteten die meisten Deutschen einen kurzen und heftigen Kriegsverlauf. Volksschullehrer Krumsiek aus Wiembeck formulierte es in seiner Schul- und Kriegschronik 1924 rückblickend so: "War man doch damals auch in fachmännischen Kreisen der Ansicht, daß der Krieg bei dem damaligen Stande der Kriegstechnik und der Millionenheere höchstens 6 - 8 Wochen dauern könne. Wie sollte das anders kommen!" (Stadtarchiv H 12/78). Bei den Kriegsvorbereitungen waren zwar die militärischen Operationen und Taktiken geplant worden, aber die Finanzierung des Krieges und die Versorgung der Zivilbevölkerung hatte man vernachlässigt. Dies sollte sich mit Beginn der britischen Seeblockade rächen. Das importabhängige Deutschland war plötzlich von allen Exporten (Rohstoffe, Lebensmittel...) abgeschnitten.

In der Lippischen Post vom 3. März 1915 wurde für eine Versammlung geworben, in der es um die Volksernährung gehen sollte. Hintergrund war die immer schlechter werdende Versorgungslage aufgrund der sog. „Hungerblockade“ der Entente-Mächte. Der Vortrag sollte unter dem Motto „Kriegsaufgaben hinter der Front – Die Volksernährung während des Krieges“ stehen. Besonders Frauen und Mädchen sollten erscheinen. „Auch Männer haben Zutritt“. Mehr als 400 Besucher verfolgten den Vortrag am 16. März 1915 im Gasthaus Losch (LP, 18.3.1915).

 

Als Ratschläge wurden formuliert: nicht rummäkeln, die Soldaten müssten unterstützt werden, der Feind darf uns nicht durch Hunger bezwingen, Verhaltensweisen müssten sich ändern, jedes Fleckchen Erde müsste bebaut werden. Anstatt Brot und Fleisch sollte man vielmehr Obst, Milch, Mehlspeisen, Zucker und Käse essen, Kriegskochbücher sollte man konsultieren und Kochkurse besuchen.

Der Frühsommer 1916 brachte eine Wende in der Nahrungsmittelversorgung. Die Kartoffeln wurden knapp. Hinzu kam, dass die Ernte im Herbst durch zuviel Nässe verdarb. Als Ersatz wurden Steckrüben auf die Bezugsmarken ausgegeben. Im Winter 1916/17 wurden Steckrübenrezepte propagiert. Beliebt war dieses Gemüse in kleinster Weise, verhinderte aber eine größere Hungersnot. Anzeige Verkauf von Steckrüben (LP, 9.12.1916).

Bereits im Winter 1914/15 taucht auch in Lippe ein sog. „Kriegsbrötchen“zu 80 gr  auf (so die LP, 13.3.1915), das im März 1915 wieder durch ein 100 gr Brötchen ersetzt wurde. Die Bemerkung in der Zeitung „Wohl keiner wird diesem Sonderlinge eine Träne nachweinen […]“.

 

In den Herbst- und Wintermonaten 1915/16 und 1916/17  musste auch in Lippe das Brot, wie man sagte, „gestreckt“ werden. Dies war eine der Maßnahmen, die Brotversorgung auch über Engpasssituationen hinaus sicher zu stellen. Als Streckungsmittel wurden Kartoffeln eingesetzt (LP, 7.11.1917). Verarbeitet wurden Frischkartoffeln, da nicht genügend Kohle vorhanden war, um Kartoffelmehl herzustellen, das erst später eingesetzt werden sollte. Offensichtlich fand das Brot wenig Anklang in der Bevölkerung und wurde als schlecht und ungenießbar kritisiert. Dies veranlasste die LWG wiederum zu Gegendarstellungen, denen auch die Lippische Post folgte: „Hier in Lemgo haben wir uns alle über das neue Brot gefreut [… ] Wenn einige Detmolder Bäcker sich nicht die Mühe machen – die Kartoffeln genügend zu reinigen und abzupellen - unsere Lemgoer Bäcker bedienen uns in dieser Beziehung in altgewohnter Weise, bestens – oder wenn einige Detmolder besonders empfindliche Mägen dem K[riegs]-Brot nicht glauben gewachsen zu sein, so ist das wirklich noch lange kein Grund, die ganze Sache in Grund und Boden zu verdammen […] Wir essen hier noch immer besseres Brot, wie viele Teile Deutschlands und vor allen Dingen des Auslandes. Wir haben doch wirklich das beste Teil erwählt gegenüber vielen, vielen, die nach einem Stück Brot hungern, gegenüber denen, die sich auf raschem Vormarsch im Felde, auf einsamer Patrouille usw. oft tagelang mit einer Rübe statt Brot begnügten, wir haben hier in Lippe die Zeiten des letzten Winters und Frühjahrs nicht so mitgemacht, wie viele Leute in den Großstädten usw., denen der liebliche Geruch der Steckrübe aus dem Brote entgegen duftete. Die Nörgelei über das neue Brot ist nur der beste Beweis dafür, daß es im vierten Kriegsjahre noch Leute gibt, die ihren Magen nicht mit mobilisierten.

Verstöße gegen die Lebensmittelverordnungen wurden gerichtlich verfolgt; die Verfahren in der Presse veröffentlicht (LP, 9.3.1917).

Die aus den Großstädten bekannten Volksküchen während des Ersten Weltkrieges fanden auch ihre Entsprechung in einer Volksküche in Lemgo, die vom Vaterländischen Frauenverein im sog. Siechenhaus eingerichtet wurde (d. h. in den ehemaligen Klostergebäuden der Franziskaner am Rampendal, heute Pfarrzentrum St. Johann). Die Suppe gab es dort für 25 Pfennige, gegen Lebensmittelkarten aus dem Rathaus oder auch umsonst. LP, 19.11.1914

Im August 1917 kam das Gerücht auf, dass der Magistrat im Keller des Ballhauses Kartoffeln habe verfaulen lassen. Solche Nachrichten wurden offensichtlich mit gewisser Nervösität und Verärgerung aufgenommen. Die Stadt ließ jedoch erklären, dass man sorgsam einzelne, schlechte Kartoffeln entsorgen ließ. Die Stadt wurde für dieses umsichtige Verhalten noch von der Zeitungsredaktion ausdrücklich gelobt. LP, 17.8.1917.

Schlechter als in Lemgo war die Versorgungslage in den Großstädten, vor allem im Ruhrgebiet. Besonders die Kinder litten unter Unterernährung. Im Frühjahr 1917 organisierte man eine frühe Form der Kinderlandverschickung, die auch Kinder nach Lemgo brachte. In der LP vom 19.10.1917 wurde ein Dankesbrief einer der entsendenden Städte (Essen) abgedruckt. Dem Artikel ist zu entnehmen, dass es allerdings auch Probleme, Konflikte gab. Die Kinder mussten wohl auf dem Feld mitarbeiten, eine reine Ferienfreizeit war dies offensichtlich nicht.

Der Wiembecker Volksschullehrer liefert in seiner Schulchronik des Ersten Weltkrieges eine nachträgliche, anschauliche Zusammenfassung der damaligen Versorgungslage:

Das Land mußte sich selbst ernähren, der eiserne Ring, den die Feinde um uns geschaffen hatten, ließ vom Auslande keine Lebensmittel mehr zu uns kommen. Die Ernte war gering ausgefallen. Da wurden auch den Selbstversorgern, d. h. denjenigen, die für den eigenen Bedarf genug Getreide selbst gerettet hatten, nur 7 1/2 , später nur 6 ½ kg pro Person im Monat gelassen (siehe Anhang), also nicht einmal ½ Pfund Brot am Tage. Die „Versorgungsberechtigten bekamen schon seit 1915 nur noch Mehl auf Brotmarken, natürlich weniger als die „Selbstversorger“. Ersatzmittel, durch deren Mehl man das Brot hätte „strecken“ können, waren nicht zu kaufen. Alles war beschlagnahmt. Alles Kaufen und Verkaufen ohne Marken wurde streng bestraft. Man konnte weder Bohnen noch Hafer, weder Zucker noch Kartoffeln, weder Nähgarn noch dergleichen ohne Marken bekommen. Das Schlimmste aber war, daß die Kartoffelernte mißraten war. Da zog bei vielen, vielen Familien  der Hunger ein, besonders in den Städten. Das war der traurigste Winter, den Deutschland seit vielen Jahrzehnten durchgemacht hatte. Da lernte man erst den Wert des täglichen Brotes recht verstehen und die 4. Bitte recht begreifen. Es war ein großes Glück, daß die Steckrüben gut geraten waren, sie bildeten nun das tägliche Gericht. Die „Steckrübengerichte“ im Anhang sollen erinnern an den traurigen „Steckrübenwinter“ 1916/17."

Die Preise für Lebensmittel stiegen im Sommer 1915 an. Besonders bei Fleisch, Butter, Eier und Zucker (LP, 12.7.1915). Diese Preissteigerungen sollten unterbunden werden, da die Kunden ansonsten die Waren gar nicht mehr kaufen würden.

Als im August 1915 eine Händlerin auf dem Lemgoer Markt 1,80 Mark für 1 Pfund Butter verlangte, umzingelten die Lemgoer Kundinnen die Bäuerin mit drohenden Gebärden, ohne dass es zu "Schlimmerem" gekommen wäre. Im Artikel wurden Höchstpreise gefordert, um diesem Treiben Einhalt bieten zu können (LP, 25.8.1915). Vergleiche mit Großstädten wurden gezogen, in denen aber die Lebensmittel günstiger seien.

Im April 1917 kam es anscheinend in Lemgo zu einer Butterknappheit. In einem Leserbrief, abgedruckt in der Lippischen Post (21.4.1917) wurde dies darauf zurückgeführt, dass die milchproduzierenden Landwirte zu zurückhaltend mit der Milchlieferung seien. Nur durch die LWG käme überhaupt noch Milch zur Butterherstellung. Rein rechnerisch würde die Menge an Kühen und Milch in Lemgo und Umgebung ausreichen. Die Landwirte würden aber von der Zwangslieferung befreit, sie würden die Milch an das Vieh verfüttern, stattdessen müsste man strenger sein und empfindlichere Strafen aussprechen, die Landwirte in keinem Falle mehr selbst „buttern“ lassen.

LP, 25.7.1917 „Kinder geht barfuß, Erwachsene schont das Schuhwerk für den Winter, geht barfuß oder barfuß in Sandalen. (…) Eines der besten Streck- und Ersatzmittel ist das Barfußgehen oder das Tragen von Holzsandalen ohne Strümpfe. Kurzsichtige und kleinliche Menschen, die das Barfußgehen lächerlich finden, wird es wohl nicht mehr geben. Es müssen nur einige beherzte Menschen mit der Tat anfangen."

Die Einsparungsvorschläge konnten sich sogar bis auf den Bereich der eigenen Kleidung erstrecken. LP, 8.5.1918: „Aufruf. In Anbetracht des zurzeit herrschenden großen Stoffmangels und der erheblichen Kosten, die jetzt mit der Anschaffung der üblichen Trauerkleidung für die Frauen verknüpft sind, bitten wir die uns angeschlossenen Hilfsausschüsse, dahin zu wirken, daß die weibliche Bevölkerung aller Stände von dem Tragen von Trauerkleidung während des Krieges absieht und nur, wie es bei den Männern üblich ist, durch Anlegung von Trauerflor, insbesondere als Binde um den linken Arm, die Trauer äußerlich kundgibt. (…) Die Trauer geht das Herz an, nicht das Kleid.“

Der Winter 1916/17 war sehr kalt. Das Heizmaterial war knapp, es herrschte akuter Kohlenmangel. Zum 30.12.1916 rief man eine Volksversammlung ein, auf der Clemens Becker einen Vortrag über die Kohlennot in Lemgo und über ihre Ursachen hielt.

 

Dass ein ausgewiesener Sozialdemokrat wie Becker eine solche Versammlung abhielt, mag auf die politische Dimension des Ganzen hinweisen. Aus Brennstoffhandel schloss man auch die Schulen (LP, 2.2.1917) bis zum 19.2.1917. Öffentliche Gebäude wurden teilweise als Wärmehallen eingesetzt, damit sich dort die Menschen aufwärmen konnten. Die Schüler zogen in den Wintermonaten in den Lemgoer Wald und holten auf Schlitten Brennholz heran, das für bedürftige Kriegerfamilien verwendet wurde.

 

Nach Ansicht der Lippischen Post war die Stadt allerdings nicht energisch genug dabei, für eine ausreichende Kohlenversorgung, insbesondere aus dem Ruhrgebiet zu sorgen. Der Mangel an Fuhrwerken, die wohl meistenteils im Heer Verwendung fanden, könne nicht die einzige Ursache sein. Der Vergleich mit den vielen Lebensmitteln und Tieren, die man dorthin geliefert hatte, wurde gezogen. Im Gegenzug kämen nicht genügend Kohlen. Auch würde man die reichlich in der Umgebung vorhandenen Wälder nicht so nutzen, wie es möglich wäre.

Bis zum 1. Februar 1915 waren die Eingriffe des Staates in die Lebensmittelversorgung im Deutschen Reich zurückhaltend. Vorsorglich war zwar der Bundesrat bereits durch Gesetz vom 4. August 1914 (RGB, S. 327) ermächtigt, wirtschaftliche Maßnahmen zu ergreifen. Von dieser Möglichkeit wurde aber zunächst nur beschränkt Gebrauch gemacht. Im Mittelpunkt stand eine gesetzliche Regelung für Höchstpreise, um mögliche Teuerungsspiralen zu verhindern. Ansonsten ergriff das Reich importpolitische Maßnahmen und ließ Sparsamkeitsvorschläge an die Bevölkerung verteilen. Eine tatsächliche und immer umfassendere Zwangsbewirtschaftung wurde erst durch die Verordnung des Bundesrates vom 25. Januar 1915 (RGB, S.35ff.) über die Regelung des Verkehrs mit Brotgetreide und Mehl eingeführt. Alle vorhandenen Getreidevorräte an Weizen und Roggen wurden für die Kriegs-Getreide-Gesellschaft mbH in Berlin beschlagnahmt, also für die Armee. Das Mehl aus Weizen, Roggen, Hafer und Gerste wurde von den Kommunalverband beschlagnahmt, in dessen Bezirk sie sich zu dem Zeitpunkt befanden. Ein direkter Verkauf an Endverbraucher war damit nicht mehr möglich. Die Vorräte mussten in Listen erfasst und den zuständigen Stellen angezeigt werden. Für die Enteignung wurden dem Besitzer der Waren ein angemessener Preis gezahlt, der entweder sich am Höchstpreis orientierte, oder falls nicht vorhanden, am Durchschnittspreis. Die Kommunalverbände mussten in ihrem Bezirk die Verteilung der Vorräte regeln und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Zum 28. Februar 1915 bildeten die Kommunalverbände Stadt Barntrup, Amtsgemeinde Brake, Amtsgemeinde Hohenhausen, Amtsgemeinde Varenholz, Amtsgemeinde Sternberg-Barntrup und Stadt Lemgo eine Arbeitsgemeinschaft. Ziel war die einheitliche Regelung des Verbrauchs an Getreide und Mehl. Oberbürgermeister Höland begründete in einer Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vom 23.02.1915 (Bericht in der Lippischen Post vom 24.2.1915) die Bildung dieser Arbeitsgemeinschaft damit, dass wenn Lemgo alleine handeln würde, es Nachteile hätte. Zudem könne man mit der Arbeitsgemeinschaft Kosten einsparen. Die zur Verteilung zu bringenden Brotmarken, die alleine zum Bezug von Mehl und Getreide berechtigten, sollten Gültigkeit im gesamten Bezirk der Arbeitsgemeinschaft haben. Einheitspreise für Brot und Mehl wurden festgesetzt.

 

Die Organisation der Arbeitsgemeinschaft wurde zunächst durch Ausschüsse geregelt. Die sechs beteiligten Kommunen bzw. Kommunalverbände entsandten jeweils drei Personen (insgesamt 18) in einen allgemeinen Ausschuss, in dem auch die Bürgermeister der Städte Lemgo und Barntrup sowie der Landrat des Verwaltungsamtes Brake Sitz und Stimme hatten. Daneben wurde ein engerer Ausschuss mit sechs Personen, darunter auch Adolf Sternheim aus Lemgo gebildet. Der engere Ausschuss sollte Änderungen bei Verordnungen und Anweisungen der Arbeitsgemeinschaft beschließen, die durch den weiteren Ausschuss bestätigt, aufgehoben oder korrigiert werden konnten. Für die Kontrolle des Geschäftsführers der Arbeitsgemeinschaft wurde ein dritter Ausschuss mit drei Personen gebildet, dem u. a. Lenzberg aus Lemgo angehörte. Zum Geschäftsführer wurde Adolf Sternheim ernannt.

 

Mit Wirkung vom 12. März 1915 (siehe Abdruck der Satzung in der Lippischen Post vom 16. März 1915) wurde die Arbeitsgemeinschaft durch landesherrliche Verordnung in Lippische Wirtschaftsgemeinschaft (LWG) umbenannt. Der bisherige Geschäftsführer Sternheim trat aufgrund anderer Verpflichtungen in der LWG zurück. Sein Nachfolger war Medizinalrat und Direktor der Lippischen Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus (seit 1906) Dr. Wilhelm Alter. Geschäftsstelle der LWG war in Brake, im sog. Lindenhaus.

 

Die LWG richtete vier Bezirke in ihrem Zuständigkeitbezirk ein, denen jeweils ein Lagerhalter vorstand. Für den Bezirk 1 (Stadt Lemgo und die Dorfsgemeinden Lieme, Leese, Entrup, Lüerdissen, Matorf, Brüntorf, Kirchheide, Weltsorf) war dies Adolf Sternheim. Bei diesen Lagerhaltern erfolgte der Ankauf von Brotgetreide und die Abgabe von Mehl.

 

Mit Beitritt der der Kommunalverbände Amt Schötmar, Amt Oerlinghausen, Amt Lage, Amt Detmold, Amt Horn, Stadt Salzuflen, Stadt Lage, Stadt Detmold und Stadt Horn zur LWG zum 24. bzw. 28. März 1915 erstreckte sie sich auf fast ganz Lippe, mit Ausnahme der beiden Verwaltungsämter Blomberg und Lipperode-Cappel sowie der Städte Blomberg und Schwalenberg. Die Zahl der Lagerhalter wurde auf fünf erhöht und die Bezirke erneut zugeschnitten.

 

Die Lagerhalter übernahmen das angekaufte Getreide und verteilten es auf Anweisung an die Bäcker und Konsumvereine. Die Verteilungsarbeit spielte sich dabei zwischen der LWG, den fünf Lagerhaltern, den Mühlen und den gewerblichen Bäckereien ab.

 

Am 28.9.1916 trat Dr. Alter vom Posten des Geschäftsführers aus "Gesundheitsrücksichten" zurück. An seine Stelle wurde Assessor Brandes gewählt, der sein neues Amt am 1.10.1916 antreten sollte. Der bisherige Vorsitzende der LWG, Geheimer Regierungsrat Kirchhof, ging in den Ruhestand, an seine Stelle rückte Dr. Alter auf (LP 30.9.1916).

 

Ob der der Wechsel in der Geschäftsführung der LWG mit der vorangegangenen Kritik an der Amtsführung Alters zu tun hat, ist unklar.

 

Nach Beschluss der Mitgliederversammlung der LWG vom 23. Juni 1917 wurde diese zum 1. Juli 1917 liquidiert (Staatsanzeiger 1917, S. 607). In der Versammlung des Verwaltungsrates der neuen LWG wurde zum Vorsitzenden des Vorstandes, der Prokurist und Hauptmann der Landwehr Künne aus Bad Salzuflen gewählt. Einer seiner Beisitzer wurde der Konsumverwalter Clemens Becker aus Lemgo (Staatsanzeiger 1917, S. 613). Der bisherige Vorsitzende Dr. Alter trat offensichtlich nicht mehr an und zog sich zurück.

 

Die LWG wurde damit auch strukturell Teil des lippischen Landesernährungsamtes, errichtet zum 7. März 1917, in Form der Geschäftsabteilung, neben einer Verwaltungs- und einer Wirtschaftsabteilung (vgl. Staatsanzeiger 1917, S. 237ff.). Nach einer in der Lippischen Post vom 4. Juli 1917 veröffentlichten Danksagung der lippischen Regierung an Alter scheint dieser in der Verwaltungs-Abteilung des Landesernäherungsamtes weiter mitgewirkt zu haben.

 

Nach einem Bericht der Lippischen Post vom 7. März 1918 wurde anscheinend auch über die Verlegung des Sitzes der LWG von Schloss Brake nach Lage diskutiert. Diese Verlegung scheint nicht stattgefunden zu haben.

 

Im Laufe der Zeit wuchsen die Aufgaben und Zuständigkeiten der LWG. Im letzten Kriegsjahr war sie für die "[...] Erfassung und Verteilung alles dessen, was Mensch und Vieh zum Leben nötig haben [...]" verantwortlich. Dazu zählten Getreide, Mehl, Brot, Hafer, Gerste. Ölfrüchte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst, Kartoffeln, Futtermittel, Milch, Butter, Quark, Eier, Grieß, Graupen, Marmelade, Fleisch und sogar die Regelung des Verkehrs mit getragener Kleidung und Schuhen (Lippische Post, 22.2.1918). Fast täglich wurden in den Zeitungen neue Verordnungen, Bekanntmachungen und Erlasse der LWG veröffentlicht. Es fragt sich in der Tat, inwieweit diese Anordnungen tatsächlich befolgt wurden bzw. befolgt werden konnten.

 

Im Geschäftsjahr 1916/1917 machte die LWG einen Umsatz von 42 Millionen Mark (nach der Lippischen Post vom 1. März 1916 im Jahr zuvor rund 30 Millionen Mark). Verglichen mit dem Haushaltsetat der Alten Hansestadt Lemgo mit einem Ausgabevolumen von im Durchschnitt 300.000 Mark (zwischen 1914 und 1918, vgl. StaL A 499)  eine beachtliche Summe, die einen Eindruck von der Größe dieser Organisation vermittelt.

 

Die LWG bestand auch noch nach Ende des Weltkrieges fort und wurde 1921 mit Auflösung des Landesernäherungsamtes, in die Geschäftsabteilung der neu gegründeten Landesgetreidestelle umgewandelt.

Die LWG arbeitete vor Ort mit einem System von Vertrauensmännern (in den Stadtgemeinden) und Ortsvertretern (in den Dörfern). Diese waren zuständig für die Erstellung der notwendigen Erfassungslisten und die Ausgabe der Lebensmittelkarten bzw. Brotmarken.

 

Für diese Funktion bediente man sich häufig der örtlichen Lehrkräfte an den Schulen. Lehrer Krumsiek aus Wiembeck übernahm für seinen Ort ebenfalls diese Funktion, jedoch offensichtlich nicht mit Freude, wie seiner Schulchronik (StaL H 10/78, S. 49) zu entnehmen ist: "An jedem Orte wurde ein sogenannter Ortsvertreter, meistens der erste Lehrer, angestellt, welcher als verpflichteter Gehilfe der L.W.G., an dem unbeliebten, aber notwendigen Werke half. In Wiembeck musste ich natürlich das Amt übernehmen. Es gab viele Arbeit und viele Unannehmlichkeiten, denn die Bevölkerung konnte sich nur schwer daran gewöhnen, daß ihr das Verfügungsrecht über die selbstgezogenen Mengen genommen wurde."

 

Die Ortsvertreter und Vertrauensmänner standen dabei häufig in einem Spannungsverhältnis zwischen ihrem Auftrag im Sinne einer gleichmäßigen und sparsamen Ressourcenverteilung und den Erwartungen und Ansprüchen ihrer Mitbürger vor Ort.

 

Lemgo war in 50, möglichst kleinräumige Bezirke eingeteilt, für die jeweils ein Vertrauensmann zuständig war. Das Amt wurde ehrenamtlich ausgeübt. Offensichtlich erhoffte sich die Stadtverwaltung dadurch, die durch die eingezogenen Beamten und Angestellten angespannte Personallage entspannen zu können. Ansprechpartner und vorgesetzte Stelle für die Vertrauensmänner war das städtische Lebensmittelamt, das vermutlich identisch mit dem städtischen Bauamt war.

 

Alle vier Wochen erfolgte eine Verteilung der Lebensmittelkarten in der Wohnung des Vertrauensmannes.

 

In einer öffentlichen Anzeige in der Lippischen Post vom 1. Dezember 1916 war die Abholung der Lebensmittelkarten zu entnehmen.

 

Die Aufgaben der Vertrauensmänner wurden in einem 2seitigen Rundschreiben der Stadt beschrieben (aus: StL T 1/15).

 

Rundschreiben Seite 1 | Seite 2

 

Die Anweisungen des städtischen Lebensmittelamtes an die Vertrauensmänner erfolgte wohl auch durch maschinenschriftliche Handzettel, die wichtige (neue) Bestimmungen enthielten. Beispiele (aus StaL T 1/15) dafür aus der Überlieferung der Lemgoer Bürgerschule sind hier zu sehen:

Neben solchen Schriftlichen Bekanntmachungen gab es offensichtlich immer wieder Versammlungen der Vertrauensmänner, bei denen Erläuterungen von Seiten der städtischen Vertreter gegeben wurden, um das Ausfüllen von Listen und die richtige Verteilung der Marken zu gewährleisten. So auch am 26. September 1917 im Ratskeller (siehe Lippische Post vom 27. September 1917). In diesem Fall sprach der Bürgermeister Möller sogar selbst zu den versammelten Vertrauensmännern, deren Arbeit er Wert schätzte und eine Vergütung im Rahmen der ansonsten ehrenamtlichen Tätigkeit in Aussicht stellte.

 

Der Leiter der Lemgoer Bürgerschule, August Stapperfenne (geb. 1858, Schulleiter von 1915 bis 1924), war ebenfalls Vertrauensmann und für den Bezirk Nr. 35 in Lemgo zuständig. Aus Zufall haben sich einige Dokumente aus seiner Tätigkeit als Vertrauensmann erhalten (siehe auch oben). Darunter eine großformatige und mehrseitige Liste aus dem ersten Halbjahr 1917 mit Eintragungen zu den dort wohnenden Personen und ihren Zuteilungen. Diesem Dokument kann man entnehmen, dass er für die Straßen Steinweg und Niedernstraße zuständig war. In ähnlicher Weise dürften auch die anderen Bezirke zugeschnitten gewesen sein.

 

Ein weiterer, Lemgoer Lehrer, der jedoch nicht als Vertrauensmann, sondern als Ortsvertreter der LWG fungierte, war der Bügerschullehrer Fritz Linke (geb. 1874 - gest. 1953), seit 1910/11 an der Bürgerschule. Als er im August 1917 sein Ehrenamt niederlegte, widmete ihm die Lippische Post am 6. August 1917 eine Art Nachruf. Auch in diesem Beitrag wurde die Schwere des Amtes, um das ihn niemand in der Stadt beneidete, betont. Nachfolger Linkes wurde übrigens ein städtischer Beamter, wodurch die Stadt nun selbst die Aufgaben des Ortsvertreters übernahm, vielleicht auch wegen der problematischen Stellung des Ortsvertreters.

 

In einer Versammlung der Ortsvertreter der LWG wurde die besondere Position dieses Amtes durch den Vorsitzenden der LWG, Künne, skizziert (Lippische Post, 20. September 1917). Demnach war der Ortsvertreter Beamter in Diensten der LWG und nicht den Magistraten nachgeordnet; eine Weisungsbefugnis gab es dementsprechend nicht. Dies war wohl auch mit ein Grund für eine längere Auseinandersetzung in der Gemeinde Brake (siehe dort). "Inniges Zusammenarbeiten zwischen Ortsvertreter und Gemeindebehörde sei zur Erreichung der großen Ziele der L.W.G. im allgemeinen Interesse dringend geboten, persönliche Empfindungen müßten ganz zurücktreten: ein Jeder möge der Sache dienen und unbeirrt von der Parteien Haß und Gunst alle Kraft und sein ganzes Ich für die große vaterländische Sache einsetzen." Die Ortsvertreter wurden "[...] als Träger der Kriegswirtschaft des Kommunalverbandes [...]" angesehen.

 

Die Vertrauensleute (und in geringerem Maße auch die Ortsvertreter, da diese zahlenmäßig deutlich weniger waren) bildeten das Verbindungsscharnier zu den einzelnen Haushalten. Dies hatten auch die Werber für die Kriegsanleihe erkannt und nutzten so eine Versammlung der Lemgoer Vertrauensmänner im Oktober 1917 (siehe Bericht in der Lippischen Post vom 13.10.1917), um diese für diesen Zweck zu gewinnen. Die Vertrauensmänner erhielten entsprechendes Info- und Werbematerial und sollten dann von Haus zu Haus gehen, um für die Zeichnung der Kriegsanleihe zu werben, als "vaterländischem Hilfsdienst".

Kritik an der LWG scheint bereits nach ihrer Gründung in Lemgo (und wohl auch an anderen Orten) bestanden zu haben. Bereits am 19. April 1915 wurde in einer Stadtverordnetensitzung der Höchstpreis für Kleie kritisiert. Am 28. April 1915 äußerte sich Stadtverordneter Adam gegen die Erschwernisse der LWG, die diese gegen die Ehefrauen der im Felde befindlichen Bäcker ausüben würde. Im Juli ist sogar der Verbleib Lemgos in der LWG in der Stadtverordnetensitzung vom 13. Juli 1915 umstritten. Mangelnde Kontrolle der Organisation durch die Kommune und die Kosten der LWG waren Argumente gegen den Verbleib. Schließlich fand sich eine Mehrheit gegen den Austritt (vgl. Bericht der Lippischen Post vom 14. Juli 1915). Nicht zuletzt aufgrund dieser Sitzung entspann sich in der Presse ein Wechselspiel zwischen Kritik an der LWG und ihrer Verteidigung.

 

In einer Stellungnahme der LWG (abgedruckt in der Lippischen Post vom 16. Juli 1915) wurden die einzelnen Kritikpunkte, die in der Stadtverordnetensitzung vom 13.Juli genannt wurden, aufgegriffen und argumentativ begegnet.

 

Aus einem eingesandten Leserbrief eines Lemgoer Bürgers vom 1. Juli 1915 (Lippische Post, 3. Juli 1915 abgedruckt) ist zu entnehmen, dass die Unterschiede zwischen Versorgungsberechtigten (die eine Brotmarke erhalten) und Selbstversorgern, die keine Brotmarken benötigen, sondern einen festgelegten Teil des vorhandenen Mehlvorrates selbst behalten können, für Streit sorgte, da die Kosten für die Einschätzung der Selbstversorger über die Stadtkasse bezahlt werden sollten. Damit mussten auch die Versorgungsberechtigten für die Selbstversorger mitbezahlen.

 

Die Kritik ging im Kern auch darauf zurück, dass die Versorgungsberechtigten von der LWG profitierten, da sie auf die Verteilung angewiesen waren und keine nennenswerten, eigenen Vorräte hatten, und die Selbstversorger wenig Interesse an einer Kontrolle durch die LWG haben konnten.

 

In den Presseartikeln zum 1jährigen (Lippische Post, 1. März 1916) und zum 3jährigen Bestehen (Lippische Post, 22. Februar 1918) der LWG wurde zumeist der Versuch einer Rechtfertigung und Alternativlosigkeit der LWG unternommen, um damit Kritikpunkte zu entkräften.

 

Im Jahr 1916 kam es unter dem Geschäftsführer Dr. Wilhelm Alter zu einem weiteren Konflikt. Diesmal hatten die Kommunalverbände Brake und Hohenhausen, in Gestalt ihrer Amtsgemeinderäte die Absicht, die LWG zu verlassen und damit de facto aufzulösen. In einer Sitzung der Amtsgemeinderäte in Lemgo am 21. Juli (siehe Bericht Lippische Post vom 22. Juli 1916) verteidigte sich Alter gegen das Vorhaben, die LWG nur dann fortzusetzen, wenn ein Vertrauensmann (Alter bezeichnete diesen als "Spion") Einsicht in die Buchführung der LWG nehmen kann und eine Abrechnung vorgelegt wird. Alter sah darin eine Form des Misstrauensvotums gegen ihn, kündigte daraufhin seinen Rücktritt an und verließ die Sitzung.

 

Auch hier zeigte sich wieder die Konflitktlinie zwischen der eigentlich unabhängigen LWG, die durch die entsprechenden Ausschüsse kontrolliert werden sollte, und den Kommunen, die aus Sorge vor möglichen Verlusten, mehr Kontrolle über die Geschäftsführung haben wollten.

 

Ähnlich wie ein Jahr zuvor entwickelte sich ein Für- und Wider in der Presse, wobei am 24. Juli 1916 gleich zwei Berichte zur "Ehrenrettung" des Geschäftsführers Alters in der Lippischen Post veröffentlicht wurden, die sein sonstiges, ehrenamtliches Engagement (Kriegshilfe, Liebessendungen, Jugendwehr, Kriegsinvalidenfürsorge) und die Führung des Lindenhauses als Direktor betonten.

 

Am 27. Juli 1916 beschloss dann schließlich der Amtsgemeinderat Brake der LWG weiterhin anzugehören. Einen Tag später wurde Alter auf einer allgemeinen Mitgliederversammlung das Vertrauen ausgesprochen.

Kriegsanleihen waren neben Kriegskrediten ein wesentliches Mittel zur Finanzierung der Kriegsausgaben des Deutschen Reiches. In einem halbjährlichen Rythmus wurden insgesamt neun Kriegsanleihen herausgebracht, die für eine Gesamtsumme von 97 Milliarden Mark gezeichnet wurden. Die Käufer der Kriegsanleihen kamen dabei aus allen gesellschaftlichen Schichten, die sowohl aus patriotischen Gefühlen heraus oder auch gelockt durch eine attraktive Verzinsung, verbunden mit dem Vertrauen auf einen deutschen Sieg, dem Staat ihr Geld für die Fortsetzung des Krieges liehen. Begleitet wurden die Kriegsanleihen von regelrechten Werbekampagnen in den damaligen Medien, vor allen in den Zeitungen.

Auch in der Lippischen Post wurden die Kriegsanleihen beworben. Häufig verglich man die Zeichnung der Kriegsanleihen mit einer "Schlacht", die an der Heimatfront geschlagen werde und die die Feinde bezwingen solle. So äußerte sich die Lippische Post am 11. März 1916 zur 4. Kriegsanleihe: "Die 4. Kriegsanleihe soll den Feind schlagen und ihm die letzte Säule seiner Hoffnung zertrümmern. Eine Riesengeldschlacht gilt es für uns Daheimgebliebenen zu schlagen und einen Riesensieg zu gewinnen, der wie wuchtiger Keulenschlag dem Feinde auch den letzten Halt zerschmettert, ihn aus seinen Lügen reißt und ihn die harte Wirklichkeit begreifen läßt: Unbezwingbar ist Deutschland."

Neben diesen Anzeigen in der Presse gab es auch öffentliche Veranstaltungen. Das nebenstehende Foto des Lemgoer Marktplatzes mit Blickrichtung auf das Ballhaus, zeigt eine solche Kundgebung mit dem Ziel, Kriegsanleihen zu zeichnen. Die Datierung ist ungewiss; es gibt allerdings einen Bericht in der Lippischen Post vom 16. April 1918. Darin wird eine sog. "Vaterländische Kundgebung" geschildert, die zu diesem Foto vom Ablauf und Thema passen könnte: "Gegen 1/2 12 Uhr versammelten sich viele Bürger Lemgos und auch aus der Umgebung auf dem Marktplatze, um an diesem für jeden Deutschen bedeutungsvollen Nationaltage da nicht zu fehlen, wo alles sich versammelte, um der Werbung für unsere große Heimatschlacht beizuwohnen. [...] Der Redner des Tages, Herr Kaiserlicher Bankvorstand Nahrstedt, hielt sodann von der Ballhaustreppe herab an die Erschienenen eine packende, ihrem fachlichem Inhalte nach bemerkenswerte, in glänzender Weise vorgetragene Rede über die heimlichen Kriegsziele unserer Feinde." Über dem Eingang zum Ballhaus ist das Porträt Hindenburgs zu erkennen.

Der moralische und äußere Druck, Kriegsanleihen zu zeichnen war auf die damaligen Menschen sicherlich gross. Auch in der Lemgoer Fotografenfamilie Ohle sind die Anleihen ein Thema. Lina Ohle schreibt ihrem an der Westfront eingesetzten Mann am 4. März 1916  "[ ... ] Wie ist es mit der Kriegsanleihe? Ich muß doch wohl noch zeichnen, das ist doch nicht mehr wie recht. das wir dadurch unserm Vaterlande dienen. Wie furchtbar schwer müssen im Westen doch die Kämpfe sein. Gott der Herr sei mit uns. Er helfe mit streiten u. gebe uns bald den Frieden". Drei Tage später (7. März 1916) greift sie die Frage erneut auf, wohl auch deshalb weil sich ihr Mann bereits skeptisch zu ihrem Ansinnen geäußert haben mag. "[ ... ] Soll ich wirklich keine Kriegsanleihe mehr zeichnen? Wir können doch unser Geld wirklich nirgends besser unterbringen. Und sollten wir wirklich verlieren was wir ja doch nicht hoffen. dann sind wir unser Geld auch sowie so los was in den Kassen steht. Vielleicht zeichnen wir noch 3 Was meinst du? Der liebe Gott giebt uns doch wohl bald den ersehnten Frieden [ ... ] Schreib doch wegen der Kriegsanleihe. Multer kann auch noch 3000 zeichnen. Krull will ihr das Geld auszahlen der Rest bleibt dann noch stehen. Es ist doch unsere heilige Pflicht dass wir dadurch unsere Feinde auch schlagen [ ... ]". Die Hoffuung auf einen Sieg scheint zumindest bei Fritz Ohle nicht mehr so unerschütterlich zu sein, dass er unbedenklich Kriegsanleihen kaufen lässt.

Nicht nur die Erwachsenen sollten ihr Erspartes für Kriegsanleihen verwenden, auch die Kinder in den Schulen wurden systematisch zum Kauf der Kriegsanleihen angehalten. 

 

In einem diesbezüglichen Zeitungsartikel in der Lippischen Post vom 11. März 1916 wird der Anteil der Schulen bei den Kriegsanleihen als bedeutsam eingestuft und die Lehrer zur verstärkten Werbung für diese patriotische Sache angehalten. Um die Klein- bzw. Kleinstbeiträge der Schüler einfacher handhaben zu können, gibt die Sparkasse Lemgo kleingestückelte Anteilscheine heraus, die dann zusammengelegt, gegen eine Kriegs bzw. Reichsanleihe eingetauscht werden können. Die Anteilscheine sollen den Schülern selbst ausgehändigt werden. Die Lehrer scheinen aber ansonsten die maßgeblichen Stellen zu sein, die die Organisation der Anleihezeichnung für ihre Klassen und Schüler übernehmen.

 

Inwieweit die Schüler tatsächlich aus eigenem Antrieb handelten oder eher auf Druck der Lehrer, lässt sich nicht abschließend beurteilen. Der patriotische Eifer wird aber auch hier sicherlich eine wichtige Rolle gespielt haben.

 

In der Schulchronik von St. Johann (StaL T 3/14, S. 30) berichtet Knappmeier über das Engagement seiner Schüler bei der 4. Kriegsanleihe: "[...] An der 4. Kriegsanleihe hat sich auch unsere Schule mit Eifer beteiligt. Die Schüler haben von Haus zu Haus Aufrufe und Zeichnungsformulare getragen u. sich selbst duch Zeichnungen von 5 M, 10,-, 20,- bis 100 beteiligt. Insgesamt sind 1560 M gezeichnet worden. Mit freudiger Dankbarkeit wurde darum der Erlaß Seiner Durchlaucht des Fürsten vom Ausfall des Unterrichts am 31.3. begrüßt." In ähnlicher Weise war auch die Zeichnung der 5. Kriegsanleihe 1916 von Erfolg gekrönt: "Am 5. Oktober war der Schlußtag der 5. Kriegsanleihe, die den Betrag von 10,6 Milliarden brachte. Lehrer und Schüler der hiesigen haben 1995 Mark beigesteuert." (StaL T 3/14, S. 32).